Nata­liya Gume­nyuk – Die ver­lo­rene Insel 1.2

© Silver Meikar

Im Früh­jahr brachte die Jour­na­lis­tin Nata­liya Gume­nyuk das Buch Zahub­lenyi Ostriv (Die ver­lo­rene Insel) heraus, in dem sie Geschich­ten von Men­schen auf der Krim nie­der­ge­schrie­ben hat. Nun wird das Buch ins Deut­sche über­setzt. Wir dürfen vorab das erste Kapitel ver­öf­fent­li­chen. Darin gibt Nata­liya Gume­nyuk ihre Ein­drü­cke von einer Reise auf die Krim wieder, die sie im März 2014 unter­nom­men und die sie nach Bacht­schys­sa­raj – Bala­klawa – Sewas­to­pol – Jalta – Sim­fero­pol geführt hat.

Die Über­set­zung ist das Ergeb­nis einer Zusam­men­ar­beit von Simon Muschick, Dario Planert und Johann Zaja­cz­kow­ski.

Was bildest du dir ein, mein Schatz?
Willst um den Finger wickeln?
Die Mädchen wolln dich aber nicht,
siehst aus wie ein Kar­ni­ckel!

Auf dem Basar war ich vor Kurzem,
da zeigten sie ein Märchen.
‘ne Alte hat‘n Gaul geknutscht,
Fedja hieß das Pferd­chen.

Russ­land und die Ukraine –
ein dichter Bee­ren­strauch,
der Grenz­mann schützt die Heimat
heuer vor der Heimat auch.

Eine Frau mit einem ange­hef­te­ten Georgs­bänd­chen tanzt und singt unter­des­sen diese Zeilen. Die musi­ka­li­sche Beglei­tung besorgt ein Groß­vä­ter­chen mit Akkor­deon. Eine (sagen wir) „spon­tane“ Feier findet hier statt. Auf dem Nachi­mow-Platz in Sewas­to­pol hat sich eine Gruppe von etwa 30 Per­so­nen, dar­un­ter vor­wie­gend Rentner, ein­ge­fun­den. Viele tragen Fahnen mit Por­traits von Putin und Med­wed­jew.

„Wir, die Sewas­to­po­ler, sind rus­si­sche Men­schen, heute sind wir das aller­glück­lichste Volk, und ich wünschte, alle Men­schen auf dem gesam­ten Erdball wären so glück­lich wie wir heute. 23 Jahre lang hatten hier die Besat­zer das Sagen, nun kehren wir endlich heim. Wenn es von uns ver­langt wird, stehen wird bereit, um Tag und Nacht zu mar­schie­ren. In dieser Stadt herrschte immer rus­si­sche Ordnung, Ukrai­nisch haben wir nie gelernt, und die Älteren konnten die Packungs­bei­lage ihrer Medi­ka­mente nicht lesen. Wie ist so etwas möglich? All die Jahre mussten wir ein Wör­ter­buch in die Hand nehmen, um uns nicht zu ver­gif­ten und an unseren Medi­ka­men­ten zu sterben“, erei­fert sich eine Frau geho­be­nen Alters in Matro­sens­hirt und Mari­ne­kappe. Noch eben hatte sie mit dem Groß­vä­ter­chen in Kapi­täns­mütze getanzt.

„Wir haben so sehr auf diesen Moment gewar­tet. Alles pas­siert zur rechten Zeit! Was willst du da machen?!“, ergänzt dieser mit einem breiten Grinsen. „Begreif doch, Kind­chen: Kyjiw wurde von Ban­di­ten erobert. Hätte man ihre Machen­schaf­ten in Kyjiw sofort im Keim erstickt, wäre das alles hier nicht pas­siert. Wir alle hier wären nicht zu Russ­land gekom­men. Während wir hier in Untä­tig­keit ver­harrt hätten, hätten sie uns die Natio­nal­garde an den Hals gehetzt. Hätte, hätte – wenn wir nicht recht­zei­tig gehan­delt hätten.“

Der Mann ist an die achtzig Jahre alt. Er bezeich­net sich selbst als Sewas­to­po­ler mit rus­si­schen Wurzeln, auch wenn er seine gesamte Kind­heit mit ukrai­ni­schen Halb­star­ken in Sibi­rien ver­bracht habe.

„Wie könnte ich den Ukrai­nern Vor­würfe machen? Die ukrai­ni­sche Sowjet­re­pu­blik war die mäch­tigste Repu­blik in der gesam­ten Sowjet­union. Und ihre Korn­kam­mer. Wenn Donezk und Luhansk doch nur einen Anfüh­rer wie unseren Aks­jo­now [1] hätten und eine Bür­ger­wehr auf die Beine stellen könnten, dann könnten sie eine Schwarz­meer-Repu­blik gründen. Doch die Für­spre­cher des Volkes wurden ver­haf­tet. Ich weiß, dort hat ihnen die Unter­stüt­zung gefehlt, und hier steht die gesamte Schwarz­meer­flotte hinter uns.“

„Die Ukrai­ner sind ja auch ein gutes Völk­chen, das schon“, fährt die Frau mit der Mari­ne­kappe fort. „Aber dann kam diese Bande daher und

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sorgte für Ärger. 2008 habe ich im Urlaub in den Kar­pa­ten eine Familie aus der Nähe von Kyjiw getrof­fen. Groß­ar­tige Men­schen! Wir konnten uns in jeder Sprache unter­hal­ten. Und so fried­fer­tig! Es gibt keinen Grund, uns in eine bestimmte Ecke zu drängen.“

Während der Video­auf­nahme erwähne ich nicht, dass ich aus Kyjiw komme oder dass ich bei Hromadske arbeite. Doch ich gebe auch nicht vor, von der Krim zu sein. Und so kommt die Gruppe auf die Bezie­hung zwi­schen der Krim und der Fest­lan­dukraine zu spre­chen – auf dass man sie „drüben“ hören möge.

„Turt­schynow [2] hat selbst gesagt, dass er die Russen auf die Knie zwingen, ihnen den Prozess machen und sie bestra­fen wird!“, beteu­ert eine strenge Frau mit Brille. Im Gegen­satz zu den anderen Gesprächs­part­nern hat sie kein ein­zi­ges freund­li­ches Wort übrig.

„Wird Ihnen das im Fern­se­hen erzählt?“

„Natür­lich! Ganz selbst­ge­fäl­lig saß der da, run­zelte die Stirn und blähte seine Backen auf. Was glauben Sie denn, warum die Leute sich jetzt erheben? 23 Jahre lebten die einfach so vor sich hin, beschwer­ten sich nicht und hielten die Klappe. Die hatten Angst – bis jetzt.“ Wie so viele kommt sie auf die „Spra­chen­frage“ zu spre­chen:

„Ich will Ihnen mal etwas klar­ma­chen. Wir haben Spiel­zeug gekauft, das war nur auf Chi­ne­sisch, Eng­lisch und Ukrai­nisch beschrif­tet. Da weißt du nicht, ob die Kreide gegen Kaker­la­ken ist oder ob die Kinder damit auf der Tafel schrei­ben können!“

Mir ist, als hätte ich die Geschichte von der Insek­ti­zid-Kreide bereits irgendwo gehört. Nun hängt sich ein junger Mann in Mili­tär­uni­form das Akkor­deon um. Eine solche Uniform wird mir bald darauf im besetz­ten Donezk erneut begeg­nen.

Eine andere Frau tritt an mich heran, um ihre Meinung zu sagen:

„Nach Abzug aller Steuern bleiben vom Gehalt noch 50 Dollar im Monat. Davon muss man 18 Dollar nur für die täg­li­chen Mahl­zei­ten abzie­hen. In Russ­land wird das anders sein.“

Die Leute bilden fast so etwas wie eine War­te­schlange.

„Junge Dame, es gibt keine Pro­bleme zwi­schen der Ukraine und Russ­land“, wirft ein staat­li­cher Mann mit Schnurr­bart und Schie­ber­mütze ein. „Die Men­schen leben in Frieden und Ein­tracht, doch wenn natio­na­lis­ti­sche Ideen zum Maßstab allen Han­delns gemacht werden, dann ist das schlecht. Es hat doch niemand behaup­tet, dass in der West­ukraine alle Men­schen schlecht seien. Aber Natio­na­lis­ten und Extre­mis­ten, die an die Macht kommen – was soll das bit­te­schön? Nehmen wir den Vor­sit­zen­den der Partei ‚Swoboda‘ Tjahny­bok, oder die Swoboda-Abge­ord­nete Iryna Farion, die dazu aufruft, alle Nicht-Ukrai­ner zu ver­nich­ten. Die beiden sagen schreck­li­che Dinge. Oder Jarosch, [3] der allen Mos­ko­wi­tern [4] den Krieg erklärt hat. Gut, Jarosch ist nicht an der Macht, aber er tritt bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len an! Die Ukraine kann doch in der Euro­päi­schen Union und in der Zoll­union [5] sein! Um Himmels Willen! Aber dann bitte ohne Nazis­mus und Extre­mis­mus, wie ein nor­ma­ler, zivi­li­sier­ter Staat. Ich glaube, dass die Leute in der Ukraine das alles früher oder später begrei­fen werden und sich davon los­sa­gen. Dann sind einem solchen Volk Ruhm und Ehre gewiss, und ich werde mein Haupt vor ihnen beugen!“

Das Akkor­deon ver­stummt. Die ganze Gruppe hebt im Chor an.

Sewas­to­pol, Sewas­to­pol,
Stolz der Matro­sen, Russen, der Deinen
oh legen­dä­res Sewas­to­pol,
Boll­werk wider alle Feinde!

Vom Nachi­mow­platz aus wollen wir die Ufer­seite wech­seln – auf die „Nord­seite“, wie das Viertel in Sewas­to­pol genannt wird. Dort befin­det sich der letzte noch nicht ein­ge­nom­mene Stütz­punkt samt den Wohn­hei­men der ukrai­ni­schen Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen. Die Fähre, ein öffent­li­ches Ver­kehrs­mit­tel, ver­kehrt von morgens bis abends und schafft die Strecke in einer Vier­tel­stunde. Die meisten Pas­sa­giere sind Berufs­tä­tige auf dem Weg von der Arbeit zu den Wohn­ge­bie­ten am Stadt­rand. Einige befin­den sich auf dem Rückweg von einem Konzert, das dem „bal­di­gen Anschluss an Russ­land“ gewid­met ist. Formal ist es noch ein Tag bis dahin. Die Strecke mag zwar sehr kurz sein, doch die Vor­stel­lung auf dem Schiff Gesprä­che zu führen, behagt mir nicht. An Land kannst du einfach weg­ge­hen, hier gibt es kein Ent­kom­men.

Man gab uns den Tipp, beim Anlegen auf die Kai­mauer zu achten. Vom Schiff aus soll eine riesige gelb-blaue Flagge zu sehen sein, die auf den Beton der Anle­ge­stelle auf­ge­malt wurde – Symbol des gewalt­freien Wider­stands, das immer wieder über­stri­chen und dann in mona­te­lan­ger Arbeit neu auf­ge­malt wird. Wir ver­su­chen zu filmen, aber das erweist sich in der Dun­kel­heit als unmög­lich.

Am Pier erwar­tet uns ein ukrai­ni­scher Offi­zier im Ruhe­stand, um uns mit seinem Wagen zu seinen Bekann­ten zu bringen. Wir sind in Eile. Im Vor­bei­fah­ren erha­sche ich einen Blick auf ein Schild: „Flie­ger­horst Belbek“. Hier ist eine Brigade der tak­ti­schen Luft­streit­kräfte sta­tio­niert.

Der Begriff „Belbek“ ist derzeit in aller Munde. Wie auch der Name Julij Mamt­schur, Oberst der tak­ti­schen Luft­waf­fen­bri­gade des Luft­waf­fen­kom­man­dos „Süd“. Dieser Tage ist „Belbek“ ein wei­te­res Symbol des Wider­stands.

Rund zwei Wochen zuvor, am 4. März 2014, rückten ukrai­ni­sche Mili­tär­an­ge­hö­rige mit der ukrai­ni­schen Natio­nal­flagge in den Händen und mit der ukrai­ni­sche Natio­nal­hymne auf den Lippen unter Führung von Mamt­schur zu den bewaff­ne­ten Sol­da­ten vor, die die Zufahrt zum Stütz­punkt blo­ckier­ten. Man schoss den Ukrai­nern vor die Füße. Im Laufe eines Tages kam der Stütz­punkt wieder unter ukrai­ni­sche Kon­trolle. Am 12. März brach jedoch ein Feuer im – zu diesem Zeit­punkt bereits von rus­si­schen Spe­zi­al­ein­hei­ten erober­ten – Stütz­punkt aus. Die Ukrai­ner haben es gelöscht.

Selbst jetzt, im Dunkeln, erkennt man noch die ukrai­ni­sche Flagge neben dem Tor. Diese Nacht wird der Oberst nicht zuhause ver­brin­gen, dafür ist seine Frau Larissa vor Ort. Die Offi­ziers­fa­mi­lie lebt in einem kleinen Zimmer im nahe­ge­le­ge­nen Wohn­heim.

Larissa hat eine direkte und bestimmte Art. Es scheint, als hätte sie ihre ganz eigene sol­da­ti­sche Pflicht zu erfül­len. Ihre Stimme klingt nicht ver­zwei­felt. Dabei lassen ihre Worte anderes ver­mu­ten:

„Es ist vorbei. Zu spät. Das einzige, was drängt, ist die Erlaub­nis zum Ver­las­sen des Stabs – und selbst das ist schon seit einer Woche über­fäl­lig. Alles, was die Einheit hätte bewa­chen sollen, ist ent­we­der beschlag­nahmt oder zer­stört. Und die eigenen vier Wände zu beschüt­zen und Men­schen­le­ben zu ris­kie­ren macht keinen Sinn. Uns ist bewusst, dass die rus­si­sche Armee an den Grenzen zur Ukraine auf­mar­schiert. Falls es dort losgeht, wird uns niemand her­aus­las­sen, um unserer Armee zu helfen. Man hätte unsere Truppen ohnehin früher abzie­hen müssen. Selbst wenn es nicht 20.000, sondern nur 10.000 wären, es sind immer noch aus­ge­bil­dete Spe­zi­al­kräfte.“

„Wie lauten derzeit Ihre Befehle? Was spielt sich hier gerade ab?“

„Es heißt, sie seien gerade in der „Ent­schei­dungs­fin­dung“. So gut wie alle fühlen sich im Stich gelas­sen. In dieser Situa­tion sind uns die Hände gebun­den. Der Befehl, „den Umstän­den ent­spre­chend zu handeln“, ist eine bequeme Ausrede, um sich aus der Ver­ant­wor­tung zu stehlen. Ganz gleich, was wir tun – wir werden so oder so als Ver­rä­ter ver­ur­teilt. Der Oberst trägt die Ver­ant­wor­tung für das gesamte Eigen­tum, das bereits zer­stört wurde. Aus dem Stab kann er nicht aus­schei­den, außer er jagt sich eine Kugel in den Kopf. Ver­lässt er den Stab, wird er als Ver­rä­ter betrach­tet. Sie wollen wissen, was in den kom­men­den Tagen pas­sie­ren wird? Wir reden hier von Stunden. Drei Regi­men­ter, dar­un­ter unser eigenes, wurden noch nicht fest­ge­setzt. Wir erwar­ten die baldige Stür­mung. Unsere ein­zi­gen Infor­ma­tio­nen bezie­hen wir aus dem Fern­se­hen, und dabei nicht einmal dem ukrai­ni­schen. Unser Flug­platz, die Aus­rüs­tung – alles wurde bereits zer­stört. Wir sind umzin­gelt von bewaff­ne­ten Männern.“

Der Hoff­nungs­lo­sig­keit zum Trotz wollen wir sofort in unserer Funk­tion als Jour­na­lis­ten helfen. Ich frage also, welche Hilfe die Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen und ihre Fami­lien nach dem „Refe­ren­dum“ brau­chen.

„Wir sehen alles nur von unserer begrenz­ten Warte aus. Niemand traut sich, über Flucht zu reden, das wäre feige. Aber wir sitzen einfach da und warten, da es keine Befehle gibt. Die größte Angst haben wir davor, dass in der Ukraine ein Krieg aus­bricht. In den ver­gan­ge­nen drei Wochen haben wir uns mora­lisch und phy­sisch an die Situa­tion gewöhnt. Es gibt jetzt nicht viel zu helfen, es sei denn, das Militär würde auf das Fest­land verlegt.“

„Unter­kunft, Geld, wenigs­tens irgend­was?“

„Stellt euch vor, die Leute lassen alles stehen und liegen, ihre Möbel, alles Mög­li­che. Gebe Gott, dass wir wenigs­tens einige Koffer packen können. Wo sollen wir nur hin – aufs freie Feld? Hier hat zumin­dest fast jeder ein Zimmer im Wohn­heim, eine eigene Wohnung, oder die der Eltern. Und dort – nichts.“

Larissa macht eine lange Pause. Dann fährt sie fort:

„Ich kann nicht behaup­ten, dass das ukrai­ni­sche Volk uns nicht helfen würde. Wir werden aus allen mög­li­chen Gegen­den des Landes ange­ru­fen und mora­lisch unter­stützt. Tablets haben wir auch erhal­ten, Inter­net haben wir. Die einzige spür­bare Unter­stüt­zung

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kommt vom ukrai­ni­schen Volk. Wenn wir ermu­ti­gende Worte hören, etwa im Fern­se­hen… dann rühren sie uns zu Tränen. So leben wir. 99 Prozent der Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen hält zu diesem Volk. Ob das auf die Regie­rung zutrifft, lässt sich schwer sagen. Aber für dieses Volk werden wir weiter ein­ste­hen.“

„Was hier vor sich geht? Die rus­si­schen Truppen drängen uns an die Wand. De facto befin­den wir uns jetzt auf fremdem Ter­ri­to­rium. Seit dem Refe­ren­dum sind wir für sie nicht mehr als bewaff­nete Ban­di­ten, die aus­ge­merzt werden müssen. Das muss denen in Kyjiw klar­wer­den, aber die Lei­tun­gen sind gekappt.“ Major Leonid Lisowij, der Nachbar der Familie Mamt­schur, schal­tet sich in die Unter­hal­tung ein:

„Ich glaube nicht, dass es jetzt noch Sinn macht, Waf­fen­ge­walt anzu­wen­den. Das wäre Bru­der­mord.Wir haben jedoch keine Ver­bin­dung zum Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium. Wenn es doch nur potente Macht­ha­ber hätte, die hierher auf die Krim, nach Sim­fero­pol, kämen, um sich hin­zu­set­zen und zu einer Ver­ein­ba­rung zu kommen. Aber so werden wir Tag für Tag weiter zurück­ge­drängt.“

Major Lisowij hat eine Ent­schei­dung getrof­fen. Gebür­tig stammt er aus Win­nyzja. Seine Eltern leben dort, vor kurzem hat er seine Frau dorthin geschickt. Eine Unter­kunft auf der Krim hat er nicht erhal­ten.

„Auf dem Dienst­weg hat mir niemand etwas ange­bo­ten. Sowie ich in Win­nyzja ange­kom­men bin, ver­ein­bare ich ein Treffen mit dem dienst­ha­ben­den Offi­zier und bitte ihn, mich für ein wei­te­res Jahr zu ver­pflich­ten. Ich würde gerne. Kommt er zu dem Schluss, dass ich gebraucht werde – dann werde ich dienen. Falls nicht, schreibe ich einen Bericht und lasse mich aus dem Dienst ent­las­sen. Und was dann? Ich weiß es nicht. Das ist Sache der Macht­ha­ber.“

So dächten Lisowij zufolge viele der Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen, die nicht von der Krim kämen. Die Orts­an­säs­si­gen hin­ge­gen, mit Familie, Eltern, Frau, die blieben hier.

Als wir auf­bre­chen, regis­triert mein est­ni­scher Kollege die beschei­de­nen Lebens­ver­hält­nisse der ukrai­ni­schen Offi­ziere. Überall auf den Fluren stehen große, karierte Taschen; Hin­weise für die Abrei­se­vor­be­rei­tun­gen der Fami­lien. [6]

Nicht nur die Woh­nun­gen und Familie hindern die Orts­an­säs­si­gen an der Abreise. Wiktor Wasylo­wytsch, der Offi­zier außer Dienst, der uns zu diesem Stütz­punkt und diesem Wohn­heim gebracht hat, sagt, dass er die Halb­in­sel nicht einfach so ver­las­sen könne. Es ist noch nicht so lange her, dass sein Sohn bei einem Ver­kehrs­un­fall ums Leben kam. Und die Person, die den Unfall zu ver­ant­wor­ten habe, sei noch nicht ver­ur­teilt worden. Der Prozess dauere noch an. „Ich ver­stehe einfach nicht, wie das sein kann, und ich kann nicht zulas­sen, dass die Akte einfach geschlos­sen wird“, erklärt er leise.

In der Innen­stadt treffen wir uns mit einem anderen Ange­hö­ri­gen der ukrai­ni­schen Marine. Seine ganze Familie stammt aus Sewas­to­pol. Roman mimt für uns den Tour­guide und führt uns durch die Stadt. Er zeigt uns das „Mos­kauer Haus“ und das rus­si­sche Offi­ziers­ka­sino, das schon sehr lange auf der Krim ansäs­sig ist. Dabei wie­der­holt er gebets­müh­len­ar­tig, wie lange Russ­land hier schon seine Vor­herr­schaft ins Fels­ge­stein meißelt:

„Sewas­to­pol, die Krim wie auch das Bal­ti­kum sind Rück­zugs­orte für viele Sol­da­ten im Ruhe­stand. Sie haben in Russ­land gedient und genie­ßen hier ihre Rente. Und nun fordern sie ein bes­se­res Leben. Sind sie einfach auf die rus­si­schen Ren­ten­zah­lun­gen ange­wie­sen. Mit der Krim oder der Ukraine fühlen sie sich in keiner Weise ver­bun­den, deshalb unter­stüt­zen sie die Ver­ei­ni­gung mit Russ­land. Das trifft auch auf die­je­ni­gen zu, die für Unter­neh­men arbei­ten, die mit der Wartung der Schwarz­meer­flotte betraut sind. Dann gibt es noch die ‚Berufs­rus­sen‘ aus den pro­rus­si­schen Orga­ni­sa­tio­nen. Die jungen Men­schen sind in den Jahren nach der Unab­hän­gig­keit auf der Krim auf­ge­wach­sen, haben an ukrai­ni­schen Hoch­schu­len stu­diert, sind nach Europa gereist, haben nie in der Sowjet­union gelebt; viele waren noch nie in Russ­land. Doch im Gegen­satz zu den Rent­nern sind sie nicht son­der­lich aktiv. Denn die haben keine einzige Wahl ver­passt.“

Die Straßen sind fast men­schen­leer. Auf unserem Weg zum Treffen konnten wir die Sil­hou­et­ten der „höf­li­chen Leute“ erahnen – bewaff­ne­ten Sol­da­ten, die um die Häu­ser­blö­cke patrouil­lier­ten. Einer­seits ist die Ver­su­chung groß, weitere Auf­nah­men von rus­si­schen Sicher­heits­kräf­ten zu machen. Ande­rer­seits ist Vor­sicht ange­bracht: die Aus­sicht, unsere Papiere vor­zei­gen zu müssen – einen in Kyjiw aus­ge­stell­ten ukrai­ni­schen Pass und den Rei­se­pass eines est­ni­schen Staats­bür­gers –, ist nicht sehr ver­lo­ckend. Für alle Fälle suchen wir uns einen ruhi­ge­ren Ort. Wir sind die ein­zi­gen drei Gäste in der schein­bar ein­zi­gen Bar, die um die Uhrzeit noch im Stadt­zen­trum offen hat. Ein ukrai­ni­scher Sender läuft im Fern­se­hen. Ich will wissen, ob sie auch andere Sender emp­fan­gen. Das Mädchen hinter der Theke sagt, dass ihre Eltern zwar alle Sender emp­fan­gen, aber ihnen keinen Glauben schen­ken würden. „Da zeigen sie Massen von Men­schen auf der Flucht, aber Sie sehen doch, dass das nicht der Fall ist.“

„Das größte Problem für die ukrai­ni­schen See­streit­kräfte und die ukrai­ni­schen Bürger auf der Krim besteht in der Untä­tig­keit der Macht­ha­ber in Kyjiw. Drei Wochen lang musste das Militär ohne schrift­li­che Befehle aus­kom­men. Es gab ledig­lich Anrufe aus dem Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium und dem Gene­ral­stab. Wir sollen auf unseren Posten bleiben, hieß es, doch was zu tun sei, wissen sie nicht“, erklärt Roman.

Seiner Ansicht nach müsse man ent­we­der alle Truppen abzie­hen oder aber sich auf die Bedin­gun­gen einigen, unter denen sie hier­blei­ben können. Doch dafür bliebe keine Zeit:

„In den kom­men­den Tagen werden die übrigen Stütz­punkte erobert. Ohne Bei­stand vom Fest­land werden sie sich nicht halten können. Der Vor­sit­zende des Minis­ter­rats der Krim hat ange­kün­digt, dass das gesamte Eigen­tum auf dem Ter­ri­to­rium der Halb­in­sel ver­staat­licht wird – und damit auch alles, was der Marine gehört. Sie werden also alles mit­neh­men, Waffen, Mili­tär­tech­nik, Schiffe, die Maga­zin­be­stände, einfach alles. Aktuell liegen in der Stri­letz­kij-Bucht einige Schiffe und U‑Boote, hin­zu­kom­men einige bemannte ukrai­ni­sche Schiffe am süd­li­chen Mari­ne­stütz­punkt in Donuslaw. Wenn es wie von Aks­jo­now ange­kün­digt dazu kommt, dass sie eben­falls fest­ge­setzt werden, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Schiffe ent­we­der preis­zu­ge­ben, abzu­zie­hen oder zu ver­sen­ken. Die Leute handeln auf eigene Initia­tive, ohne klare Anwei­sun­gen aus Kyjiw. Das kann nicht lange gut­ge­hen. In Nowoo­serne wurde bereits eine Gar­ni­son ein­ge­nom­men. Min­des­tens die Hälfte aller Schiffe wurde seit der Unab­hän­gig­keit in der Werft in Myko­la­jiw vom Stapel gelas­sen. Das alles setzt die Ukraine durch die Unent­schlos­sen­heit Kyjiws aufs Spiel.“

Wir ver­ab­schie­den uns und wollen auf­bre­chen. Den ganzen Abend über war Roman beson­nen, führte Fakten an, legte Argu­mente dar. Doch plötz­lich klingt seine Stimme ver­är­gert, so als wäre das Wich­tigste noch nicht zur Sprache gekom­men:

„Wie kann es sein, dass wir, eine Nation der Kosaken, uns kampf­los ergeben haben? Das beküm­mert mich zutiefst. Ich weiß nicht, was ihr in Kyjiw so denkt, aber hier fragen sich alle, wie ihr Leben unter Russ­land aus­se­hen wird.“

„Werden Sie die rus­si­sche Staats­bür­ger­schaft anneh­men?“

„Wenn die Krim rus­sisch wird, lässt sich das wohl nicht umgehen. Was bleibt mir sonst übrig? Man hat uns im Stich gelas­sen. Von Rechts wegen hätten wir auf die Angrei­fer schie­ßen müssen. Aber wir unter­lie­ßen es – auch, weil die Sol­da­ten sich nicht sicher sein konnten, ob Kyjiw ihnen den Rücken decken würde. Den Angrei­fern folgte das rus­si­sche Militär auf dem Fuße – viel­leicht hatte sich das rus­si­sche Militär auch die Uniform der Volks­mi­li­zen über­ge­zo­gen. Wir werden hier von einer Horde aus Ban­di­ten regiert werden wie in Tsche­tsche­nien, und dabei zusehen, wie die Ukraine EU- und NATO-Mit­glied wird.“ Roman führt seinen inneren Dialog fort. „Eine starke Armee, eine starke Wirt­schaft – und die Krim­be­woh­ner werden selbst darum bitten, wieder ein Teil der Ukraine zu werden. Doch bis es so weit ist, werden noch viele Jahre ver­ge­hen. Viel­leicht kommt es hier auch zu eth­ni­schen Säu­be­run­gen gegen Ukrai­ner, und es werden mehr Men­schen leiden müssen, als wenn anstelle des schritt­wei­sen rus­si­schen Ein­drin­gens ein offener, bewaff­ne­ter Kon­flikt aus­ge­bro­chen wäre“

Ich werde Roman ein halbes Jahr später in Odesa wie­der­tref­fen. Dorthin wurde seine Einheit von der Krim verlegt. In Sewas­to­pol unter­hielt er sich noch in seiner Mut­ter­spra­che Rus­sisch. Nach einem halben Jahr in Odesa hat er sie abge­legt. Für ihn ist es die Sprache der Ver­rä­ter.

Weiter zum dritten Teil.

  1. Serhij Aks­jo­now, ehe­ma­li­ger Abge­ord­ne­ter des Par­la­ments der Auto­no­men Repu­blik Krim und Vor­sit­zen­der der pro­rus­si­schen Partei „Rus­si­sche Einheit“, gilt als einer der Draht­zie­her hinter dem völ­ker­rechts­wid­ri­gen Refe­ren­dum über die Abspal­tung der Krim von der Ukraine (Anm. d. Übers.).
  2. Olek­sandr Turt­schynow. Nach der Flucht von Wiktor Janu­ko­wytsch vom 23. Februar bis zu zur Amts­ein­set­zung von Petro Poro­schenko am 7. Juni 2014 Über­gangs­prä­si­dent der Ukraine (Anm. d. Autorin).
  3. Dmitrij Jarosch. 2014 der Anfüh­rer der natio­na­lis­ti­schen Bewe­gung „Rechter Sektor“ (Anm. d. Autorin).
  4. „Moskaly“ im ukr. Ori­gi­nal. Abwer­tende Bezeich­nung für Men­schen aus Russ­land (Anm. d. Übers.).
  5. Seit 2015 Eura­si­sche Wirt­schafts­union. Mit­glied­staa­ten: Arme­nien, Kasach­stan, Kir­gi­stan, Russ­land, Weiß­russ­land (Anm. d. Übers.).
  6. Am 22. März 2014 ver­tei­digte die 204. Brigade der tak­ti­schen Luft­waffe unter dem Kom­mando von Julij Mamt­schur in Eigen­re­gie den Stütz­punkt A‑4515, der schluss­end­lich durch rus­si­sche Besat­zungs­trup­pen und unbe­kannte bewaff­nete Ein­hei­ten ein­ge­nom­men wurde. Nach der Stür­mung wurde Mamt­schur von rus­si­schen Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen ver­schleppt. Anschlie­ßend wird Mamt­schur selbst erzäh­len, dass er drei Tage in Iso­la­ti­ons­haft fest­hal­ten wurde. Rus­si­sche Sol­da­ten hätten ver­sucht, ihn zum Über­tritt in die rus­si­sche Armee zu bewegen. Am 26. März 2014 verließ Mamt­schur gemein­sam mit fünf wei­te­ren gefan­ge­nen Offi­zie­ren unter Beglei­tung rus­si­scher Sturm­ge­wehre die Krim. Seine Einheit wurde nach Myko­la­jiw verlegt. Von 2014 bis 2019 war Mamt­schur für den Block Petro Poro­schenko Abge­ord­ne­ter in der Wer­chowna Rada (Anm. d. Autorin).

 

Bei dem vor­lie­gen­den Text handelt es sich um einen Auszug aus Nata­liya Gume­nyuk: Die ver­lo­rene Insel. Repor­ta­gen von der besetz­ten Krim, ibidem-Verlag, Stutt­gart: 2020. Erhält­lich ab Herbst 2020 unter ISBN978–3‑8382–1499‑3 im Buch­han­del.

Textende

Portrait von Johann

Johann Zaja­cz­kow­ski pro­mo­viert an der Uni­ver­si­tät Bonn zu den ukrai­ni­schen Frei­wil­li­gen­ba­tail­lo­nen und ist als Finanz­ko­or­di­na­tor für den Euro­päi­schen Aus­tausch und ins­be­son­dere die Kyjiwer Gesprä­che tätig.

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