Wird Belarus die neue Ukraine?

© Natalia Fedo­senko /​ Imago Images

Zwi­schen Belarus und der Ukraine gibt es in Sachen post­so­wje­ti­scher Politik und Geschichte sehr große Unter­schiede. Die gegen­wär­tige Trans­for­ma­tion in Belarus mag daher zu Ergeb­nis­sen führen, die eher den­je­ni­gen der Sam­te­nen Revo­lu­tion 2018 in Arme­nien als denen der Revo­lu­tion der Würde 2013–2014 in der Ukraine glei­chen. Ande­rer­seits könnte das patho­lo­gi­sche Ver­hält­nis des Mos­kauer Impe­ria­lis­mus zu Russ­lands ost­sla­wi­schen ‚Bru­der­völ­kern‘ dazu führen, dass die Zukunft von Belarus letzt­lich trotz allem dem Schick­sal der Ukraine ähneln wird. Von Andreas Umland

Die Ukraine und Belarus sind zwei der kul­tu­rell ein­an­der am nächs­ten ste­hen­den Länder Europas. Ihre ost­sla­wi­schen Spra­chen, die domi­nan­ten christ­lich-ortho­do­xen Kirchen und die bri­san­ten Lagen zwi­schen Russ­land einer­seits und der EU sowie NATO ande­rer­seits sind ver­gleich­bar und mit­ein­an­der ver­floch­ten. Beide Länder stehen den eben­falls weit­ge­hend ortho­do­xen und ost­sla­wi­schen Russen nahe. Doch unter­schei­den sich die Ukraine und Belarus als post­ko­lo­niale Natio­nen grund­le­gend vom post- und neo­im­pe­ria­len Russ­land, dessen inter­na­tio­nale Ambi­tio­nen in mancher Hin­sicht eher denen des heu­ti­gen China oder der Türkei glei­chen.

Obwohl einige mar­gi­nale gesell­schaft­li­che Gruppen inner­halb der Ukraine irre­den­tis­ti­sche Träume bezüg­lich der süd­rus­si­schen Kub­an­re­gion hegen, finden sich hege­mo­niale grenz­über­schrei­tende Ansprü­che weder im ukrai­ni­schen noch im bela­rus­si­schen poli­ti­schen Main­stream. Die Ukraine und Belarus sind – anders als Russ­land, Ungarn oder Serbien – ter­ri­to­rial gesät­tigt. Doch trotz dieser und anderer struk­tu­rel­ler Ähn­lich­kei­ten zwi­schen Belarus und der Ukraine betonen die meisten Kom­men­ta­to­ren – ob west­li­che, rus­si­sche, bela­rus­si­sche oder ukrai­ni­sche – heute eher die Unter­schiede als die Gemein­sam­kei­ten zwi­schen den beiden Bru­der­völ­kern. „Belarus ist NICHT die Ukraine!“ – so lautet die Kern­aus­sage der jüngs­ten Kom­men­tare vieler Poli­ti­ker und Exper­ten zum anhal­ten­den Wahl­auf­stand in Minsk.

Dif­fe­ren­zen zwi­schen Belarus und der Ukraine

Tat­säch­lich haben die Bela­rus­sen eine vor­so­wje­ti­sche, sowje­ti­sche und post­so­wje­ti­sche Geschichte, die sich von der­je­ni­gen der Ukrai­ner deut­lich unter­schei­det. Der bela­rus­si­sche Natio­na­lis­mus während der Zeit des Zaris­mus war schon sei­ner­zeit schwä­cher aus­ge­prägt als der dama­lige ukrai­ni­sche Befrei­ungs­an­spruch und Eth­no­zen­tris­mus – ein wich­ti­ger Unter­schied, der auch heute noch rele­vant ist. Die bela­rus­si­sche Dia­spora war während des Kalten Krieges weniger orga­ni­siert und aktiv als die weit sicht­ba­re­ren ukrai­ni­schen Emi­gran­ten­ge­mein­den West­eu­ro­pas und Nord­ame­ri­kas. Und nicht zuletzt hat sich der neue bela­rus­si­sche Staat – anders als der ukrai­ni­sche – seit seiner Unab­hän­gig­keit 1991 an den meisten der ver­schie­de­nen neo­im­pe­ria­len Pro­jekte Russ­lands betei­ligt.

Vor allem war Belarus Grün­dungs­mit­glied der beiden Haupt­or­ga­ni­sa­tio­nen, die Moskaus Hege­mo­nie auf dem Gebiet des ehe­ma­li­gen Zaren- und Sowjet­reichs zusam­men­hal­ten. Minsk stand unter anderem Pate bei der Grün­dung der soge­nann­ten Orga­ni­sa­tion des Ver­trags über Kol­lek­tive Sicher­heit (OVKS), einem von Russ­land domi­nier­ten ‚War­schauer Pakt 2.0‘. Die OVKS wurde – kaum zufäl­lig – an Putins 50. Geburts­tag am 7. Oktober 2002 in der damals von der Kom­mu­nis­ti­schen Partei regier­ten Repu­blik Moldau gegrün­det.

Darüber hinaus war Belarus an der Grün­dung der Eura­si­schen Wirt­schafts­union (EWU) betei­ligt, deren Grün­dungs­ver­trag von Moskau, Minsk und Astana inmit­ten der Eska­la­tion des rus­si­schen Hybrid­krie­ges gegen die Ukraine am 29. Mai 2014 unter­zeich­net wurde. Als mos­kau­ge­lenkte Pseu­do­ko­pie der EU bedeu­tet die EWU erheb­li­che Ein­griffe in die Handels- und Wirt­schafts­po­li­tik der Mit­glieds­staa­ten.

Die EWU ist heute das wich­tigste Mos­kauer Vehikel für die Dar­stel­lung Russ­lands als unab­hän­gi­ger und gewich­ti­ger ‚Pol‘ in einer mul­ti­po­la­ren Welt. Belarus ist für diese geo­po­li­ti­sche Nebel­kerze des Kremls enorm wichtig, da es das einzige Mit­glieds­land ist, das der EWU ein ein­deu­tig euro­päi­sches Element ver­leiht (Arme­nien ist kul­tu­rell euro­pä­isch, for­mal­geo­gra­phisch jedoch asia­tisch).

Des­wei­te­ren unter­zeich­nete Belarus am 8. Dezem­ber 1999 – genau acht Jahre nach Abschluss des Belo­wesch-Abkom­mens, welches die UdSSR auf­ge­löst hatte – einen Vertrag über die Grün­dung eines Uni­ons­staa­tes mit Russ­land. Wenig später wurde dieses his­to­ri­sche Doku­ment von beiden Ländern voll­stän­dig rati­fi­ziert. Dennoch hat der Uni­ons­ver­trag para­do­xer­weise auch über 20 Jahre später nicht zu einer poli­ti­schen Union der beiden Länder geführt. Trotz der Ent­ste­hung einer gewis­sen insti­tu­tio­nel­len Fassade exis­tiert der rus­sisch-bela­rus­si­sche Uni­ons­staat noch immer nur auf dem Papier.

Wie auch immer – niemals war auch nur annä­hernd etwas Ähn­li­ches die offi­zi­elle Politik Kyiws. Ent­ge­gen häu­fi­ger west­li­cher Fehl­ein­schät­zun­gen ver­folg­ten fast alle ukrai­ni­schen Regie­run­gen seit 1991 einen pro­eu­ro­päi­schen Kurs – nicht erst seit den aus­drück­lich pro­west­li­chen Prä­si­den­ten Wiktor Juscht­schenko (2005–2010) und Petro Poro­schenko (2014–2019). Kyiw erklärte die EU-Voll­mit­glied­schaft der Ukraine bereits 1998 per Prä­si­di­al­de­kret zum offi­zi­el­len Staats­ziel. Die Wer­chowna Rada, das ukrai­ni­sche Par­la­ment, schrieb den Bei­tritt zu EU und NATO schon 2003 als Ziel in das Natio­nale Sicher­heits­ge­setz der Ukraine und 2019 in die ukrai­ni­sche Ver­fas­sung. Der Abschluss eines umfang­rei­chen Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­mens mit Brüssel im Jahr 2014 wird in Kyiw als eine unzu­rei­chende Lösung ange­se­hen; viele Ukrai­ne­rin­nen und Ukrai­ner ver­ste­hen das Abkom­men ledig­lich als einen Schritt in Rich­tung einer spä­te­ren Voll­mit­glied­schaft ihres Landes in der EU.

Dies sind einige Facet­ten, die die Ukraine und Belarus als sehr unter­schied­li­che geo­po­li­ti­sche Enti­tä­ten in Ost­eu­ropa kenn­zeich­nen.

Das eheste post­so­wje­ti­sche Äqui­va­lent zum Fall Belarus ist inso­fern nicht die Ukraine, sondern Arme­nien, welches hin­sicht­lich seiner Bindung an Russ­land und seiner jüngs­ten Geschichte deut­lich mehr Gemein­sam­kei­ten mit Belarus auf­weist.

Wie Belarus ist auch Arme­nien Mit­glied der OVKS und der EWU und dem­entspre­chend wirt­schaft­lich eng mit Russ­land ver­floch­ten. Während Minsk als engster Partner Moskaus in Ost­mit­tel­eu­ropa fir­miert, ist Arme­nien das pro­rus­sischste Land im Süd­kau­ka­sus. Darüber hinaus erlebte Arme­nien im Jahr 2018 einen Wahl­auf­stand, der dem von Belarus im Jahr 2020 nicht unähn­lich ist. Die soge­nannte Samtene Revo­lu­tion in Arme­nien hatte, wie die jüngs­ten Pro­teste in Belarus, keine geo­po­li­ti­sche Dimen­sion und führte ledig­lich dazu, dass ein Prä­si­dent alten Stils durch einen reform­ori­en­tier­ten Pre­mier­mi­nis­ter ersetzt wurde. Der gestürzte frühere Prä­si­dent Arme­ni­ens, Sersh Sargs­jan (geb. 1954), ist fast genauso alt wie Aljak­sandr Luka­schenka, der zwei Monate nach Sargs­jan geboren wurde. Die neue arme­ni­sche Führung unter Nikol Paschin­jan ver­folgt seit 2018 innen­po­li­tisch eine refor­me­ri­sche und außen­po­li­tisch eine kon­ser­va­tive Politik.

Paschin­jans Kom­bi­na­tion aus Refor­men im Inneren und Kon­ti­nui­tät in der Außen­po­li­tik erin­nert an den aktu­el­len Diskurs in und um Belarus.

Die Auf­recht­erhal­tung der engen Bezie­hun­gen zwi­schen Minsk und Moskau bei gleich­zei­ti­ger Umwand­lung des ver­stei­ner­ten poli­ti­schen Systems von Belarus ist das, was vom Koor­di­nie­rungs­rat der bela­rus­si­schen Oppo­si­tion beab­sich­tigt und all­seits erwar­tet wird.

Die relativ stabile Ent­wick­lung in Arme­nien seit dem Macht­wech­sel in Eriwan im Jahr 2018 scheint auch der Weg zu sein, den Belarus nach dem Weggang Luka­schen­kas zu gehen und zu erwar­ten hat. Was viele Beob­ach­ter heute in Bezug auf Belarus vor­aus­se­hen, prä­fe­rie­ren und raten, ist in gewis­ser Weise eine Wie­der­ho­lung des post­re­vo­lu­tio­nä­ren Weges Arme­ni­ens – und nicht der Ukraine.

Warum der Über­gang in Belarus schwie­ri­ger als in Arme­nien ist

Dennoch mögen die Dinge für die Zukunft des bela­rus­si­schen Regime­wech­sels nicht so einfach liegen, wie es auf den ersten Blick scheint. Nicht nur, dass sich die Ver­trei­bung Luka­schen­kas im Jahr 2020 als weitaus schwie­ri­ger erweist denn die relativ schnelle und fried­li­che Abset­zung seines Alters­ge­nos­sen Sargs­jan im Jahr 2018. Die Haltung des rus­si­schen Impe­ria­lis­mus gegen­über dem bela­rus­si­schen Natio­na­lis­mus ist kom­pli­zier­ter als die relativ ein­fa­che Hegemon-Klient-Bezie­hung Moskaus zu Eriwan. Arme­nien konnte eine Samtene Revo­lu­tion unter Parolen der natio­na­len Würde und Frei­heit durch­füh­ren, ohne größere Emo­tio­nen in Moskau zu schüren, solange es keine Ambi­tio­nen ent­wi­ckelte, die EWU oder OVKS zu ver­las­sen.

Der Gebrauch eth­no­na­tio­na­ler Symbole im Jahr 2020 in Belarus hin­ge­gen ist für impe­riale Natio­na­lis­ten in Russ­land irri­tie­ren­der als die arme­ni­sche Feier der Volks­sou­ve­rä­ni­tät im Jahr 2018. Der bela­rus­si­sche Natio­na­lis­mus hat eine stärker aus­ge­prägte euro­päi­sche Dimen­sion und ist geo­gra­phisch näher am Kern Europas als sein arme­ni­sches Pendant. Ein bela­rus­si­scher Bürger, der sich selbst als eth­ni­scher oder poli­ti­scher Bela­russe und nicht als pan-natio­na­ler Ost­slawe iden­ti­fi­ziert, wird dazu neigen, das bela­rus­si­sche Volk vor allem als zu Europa gehö­rend zu sehen. Das könnte gegen­über Moskau prin­zi­pi­ell unpro­ble­ma­tisch sein, solange auch Russen sich in erster Linie als Euro­päer defi­nie­ren.

Doch der Name, den Moskau 2015 für jenen geo­po­li­ti­schen Raum wählte, als dessen Zentrum es sich ver­steht, lautet Eura­sien und nicht Ost­eu­ropa. Man fragt sich daher, wie sehr natio­nal auf­ge­rüt­telte Bela­rus­sen bereit sein werden, dem Kreml in dieser Abgren­zung einer eigen­stän­di­gen Zivi­li­sa­tion, die sich aus­drück­lich von der EU und dem Westen absetzt, bei­zu­ste­hen. Sollten die Russen darauf bestehen, Eura­sier und nicht ‚nur‘ Euro­päer zu sein, ist das womög­lich eine unpro­ble­ma­ti­sche Formel für viele Arme­nier, die auf­grund ihrer geo­gra­phi­schen Lage bereit sind, eine solche Misch­de­fi­ni­tion ihrer zivi­li­sa­to­ri­schen Iden­ti­tät anzu­neh­men.

Natio­nal­be­wusste Bela­rus­sen werden jedoch Pro­bleme damit haben zu akzep­tie­ren, dass sie – wie Moskau es Minsk vor­schlägt – zu einem grö­ße­ren kul­tu­rel­len Kol­lek­tiv gerech­net werden, das als Eura­sien und nicht als Europa bezeich­net wird.

Darüber hinaus ist der geo­po­li­ti­sche Ehrgeiz des Kremls in Bezug auf ost­sla­wi­sche Natio­nen offen­bar ein anderer als in Bezug auf die Völker des Süd­kau­ka­sus – eine Lektion, die die Ukrai­ner seit 2014 bitter gelernt haben. Moskau ist heute zufrie­den mit dem Ver­bleib Eriwans in der EWU und OVKS; im Hin­blick auf die West­grenze Russ­lands träumen viele Mos­kauer Ent­schei­dungs­trä­ger jedoch nach wie vor von einer bela­rus­sisch-rus­si­schen Ver­schmel­zung (sowie von ver­schie­de­nen expan­sio­nis­ti­schen Streif­zü­gen ins Ter­ri­to­rium der Ukraine). Frei­lich war diese pan­sla­wi­sche Vision rus­si­scher Impe­ria­lis­ten bis vor kurzem auch inner­halb von Belarus populär. Doch das gegen­wär­tige Feiern bela­rus­si­scher Natio­nali­den­ti­tät sowie von Volks­sou­ve­rä­ni­tät und indi­vi­du­el­ler Frei­heit, das die Anti-Luka­schenka-Pro­teste aus­ge­löst haben, ver­än­dert von Tag zu Tag die öffent­li­che Wahr­neh­mung der Bezie­hung zwi­schen Staat und Gesell­schaft in Belarus.

Das befrei­ungs­ori­en­tierte Pathos der Pro­teste von 2020 stellt für eine zukünf­tige Rea­li­sie­rung der bela­rus­sisch-rus­si­schen Union ein dop­pel­tes kon­zep­tio­nel­les Problem dar:

Zum einen ist auf der struk­tu­rel­len Ebene allen und nicht zuletzt den Bela­rus­sen selbst klar, dass eine rus­sisch-bela­rus­si­sche Union kein Zusam­men­schluss von Glei­chen sein wird. Die Gesamt­be­völ­ke­rung von Belarus ist nur gering­fü­gig größer als die der Metro­pol­re­gion Moskau. Die Demons­tran­ten kämpfen heute gegen­über dem Luka­schenka-Régime für die Sou­ve­rä­ni­tät der bela­rus­si­schen poli­ti­schen Nation. Sie bringen dies unter anderem mit einer Natio­nal­flagge zum Aus­druck, die nicht dem offi­zi­el­len Banner des heu­ti­gen  bela­rus­si­schen Staates ent­spricht. Die Demons­tran­ten in Belarus sind daher in gewis­ser Weise sogar radi­ka­ler als die ukrai­ni­schen Revo­lu­tio­näre der Jahre 2004 und 2013–2014, die die offi­zi­elle ukrai­ni­sche Natio­nal­flagge (neben zahl­rei­chen Par­tei­ban­nern) als das wich­tigste über­par­tei­li­che visu­elle Mar­ken­zei­chen ihres Kampfes für ukrai­ni­sche Volks­sou­ve­rä­ni­tät ver­wen­de­ten.

Werden die Bela­rus­sen nach ihren erschöp­fen­den Pro­tes­ten unter der neuen bela­rus­si­schen Natio­nal­flagge schließ­lich doch damit ein­ver­stan­den sein, einem Uni­ons­staat mit einem anderen Banner und Macht­zen­trum in Moskau statt in Minsk anzu­ge­hö­ren?

Das zweite kon­zep­tio­nelle Problem liegt in den Ähn­lich­kei­ten der poli­ti­schen Régime und Volks­wirt­schaf­ten unter Luka­schenka und Putin. Viele Bela­rus­sen mögen grund­sätz­lich bereit sein, einer Union mit Russ­land bei­zu­tre­ten. Aber ein Russ­land, das von einem anderen lang­jäh­ri­gen Prä­si­den­ten regiert wird, der noch älter als der ver­hasste Luka­schenka ist und ein poli­ti­sches System geschaf­fen hat, das dem Luka­schen­kas nur zu ähnlich ist, mag selbst für bela­rus­si­sche Russ­land­ver­ste­he­rIn­nen letzt­lich unat­trak­tiv sein. Das wird umso mehr der Fall sein, wenn die Ent­wick­lung von Russ­lands Wirt­schaft wei­ter­hin durch tiefe Struk­tur­pro­bleme und aus­län­di­sche Sank­tio­nen behin­dert wird.

Auch die arme­ni­sche Demo­kra­tie­be­we­gung hatte und hat viel­leicht Zweifel an der Sinn­haf­tig­keit einer fort­ge­setz­ten Inte­gra­tion ihrer Wirt­schaft mit der rus­si­schen. Doch ist das Bündnis Eriwans mit Moskau ein in erster Linie geo­po­li­ti­sches und kein geo­öko­no­mi­sches. Nicht wirt­schaft­li­ches Inter­esse, sondern Eriwans Enga­ge­ment in einem ris­kan­ten Ter­ri­to­ri­al­kon­flikt mit Baku um die aser­bai­dscha­ni­sche Berg-Kara­bach-Region ist der wich­tigste Kitt, der die arme­nisch-rus­si­sche Allianz zusam­men­hält. Es gibt – zumin­dest ober­fläch­lich betrach­tet – keinen ver­gleich­ba­ren geo­stra­te­gi­schen Impe­ra­tiv, der Minsk von Moskau derart abhän­gig macht. Statt­des­sen war und ist die Aus­rich­tung der bela­rus­si­schen Wirt­schaft auf rus­si­sche Absatz­märkte und billige Ener­gie­im­porte die wich­tigste Trieb­kraft für die Inte­gra­tion der beiden Länder. Doch was pas­siert, wenn die rus­si­schen Märkte für bela­rus­si­sche Waren schrump­fen und der Welt­markt­preis für fossile Ener­gie­trä­ger niedrig bleibt?

Schluss­fol­ge­run­gen

Gewiss, Belarus ist nicht die Ukraine. Aber es ist auch nicht Arme­nien. Solche Behaup­tun­gen mögen trivial oder gar lächer­lich klingen. Die prak­ti­schen Aus­wir­kun­gen der letz­te­ren Behaup­tung haben jedoch schwer­wie­gende Kon­se­quen­zen für die Geo­po­li­tik Ost­eu­ro­pas. Wenn Belarus nicht ohne wei­te­res dem ver­söhn­li­chen Weg des post­re­vo­lu­tio­nä­ren Arme­ni­ens folgen kann: Welchen Weg wird es dann genau gehen? Sollte die neue bela­rus­si­sche Nation, die aus den Pro­tes­ten her­vor­geht, sich selbst als euro­pä­isch und nicht eura­sisch defi­nie­ren: Welche Aus­wir­kun­gen hat dies zum Bei­spiel auf die Mit­glied­schaft von Belarus in der Eura­si­schen Wirt­schafts­union?

Wenn der post­re­vo­lu­tio­näre bela­rus­si­sche Natio­na­lis­mus sich für die Unter­wer­fung unter einen rus­sisch-bela­rus­si­schen Uni­ons­staat als unge­eig­net erweist: Welche Posi­tion wird der Kreml zu diesem Problem bezie­hen und wie wird er damit umgehen? Die mut­maß­li­che tat­säch­li­che Gewin­ne­rin der bela­rus­si­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len 2020, Swet­lana Tich­anow­skaja, hat kürz­lich in einem Inter­view bekräftigt, dass die Krim juris­tisch zur Ukraine gehört. Sie hat damit offen­kun­dig gegen Putins neue Ver­fas­sung von 2020 ver­sto­ßen, die jede Infra­ge­stel­lung der Inte­gri­tät des rus­si­schen Ter­ri­to­ri­ums, zu dem nach rus­si­scher Auf­fas­sung auch die Krim gehört, aus­drück­lich ver­bie­tet. Wie können diese und viele andere ideo­lo­gi­sche Unter­schiede zwi­schen dem moder­nen Welt­bild der bela­rus­si­schen Oppo­si­tion auf der einen Seite und der neo­im­pe­ria­len Nost­al­gie der der­zei­ti­gen rus­si­schen Führung auf der anderen Seite mit­ein­an­der in Ein­klang gebracht werden? Und was wird Moskau tun, wenn es zum Schluss kommt, dass diese Wider­sprü­che nicht diplo­ma­tisch gelöst werden können?

Im schlimms­ten Fall könnte das Schick­sal von Belarus dem der Ukraine ähn­li­cher werden, als die unter­schied­li­che jüngere Geschichte und inter­na­tio­nale Ver­an­ke­rung der beiden Natio­nen es derzeit ver­mu­ten lassen. Solange Irre­den­tis­mus und Revan­chis­mus wich­tige Deter­mi­nan­ten der rus­si­schen Außen­po­li­tik bleiben, könnten die fun­da­men­ta­len Unter­schiede zwi­schen ukrai­ni­scher und bela­rus­si­scher natio­na­ler Selbst­iden­ti­fi­ka­tion und Aus­lands­ori­en­tie­rung zu gering sein, um für Moskau einen nen­nens­wer­ten Unter­schied zu machen; das post­re­vo­lu­tio­näre Belarus müsste sich einem von Russ­land domi­nier­ten Uni­ons­staat unter­wer­fen und seine Zuge­hö­rig­keit zu Eura­sien statt zu Europa akzep­tie­ren. Tut es dies nicht, dann könnte die größere Mäßi­gung der bela­rus­si­schen Demons­tran­ten von 2020 im Ver­gleich zu den ukrai­ni­schen Revo­lu­tio­nä­ren von 2014 für Moskau von letzt­lich unwe­sent­li­cher Bedeu­tung sein.

Die anhal­tende Auf­ge­schlos­sen­heit der Bela­rus­sen gegen­über Russ­land während und nach den Pro­tes­ten reicht mög­li­cher­weise nicht aus, um ihren gefähr­lich wach­sen­den Mangel an Unter­wür­fig­keit aus­zu­glei­chen. Wenn Russ­land selbst und vor allem Moskaus außen­po­li­ti­sche Doktrin sich nicht bald und tief­grei­fend ändert, könnte das rus­sisch-bela­rus­si­sche Ver­hält­nis daher eska­lie­ren und auf einen Show­down zusteu­ern.

Die viel­leicht beste Chance für Belarus nach Luka­schenka, ein ähn­li­ches Schick­sal wie die Ukraine nach Janu­ko­wytsch zu ver­mei­den, ist ein fun­da­men­ta­ler poli­ti­scher Wandel in Russ­land. Eine solche grund­le­gende Trans­for­ma­tion müsste aller­dings nicht nur Putin, sondern das gesamte puti­nis­ti­sche Régime und dessen außen­po­li­ti­sche Ori­en­tie­rung ergrei­fen.

Eine weit­rei­chende Neu­ori­en­tie­rung in Moskau und ein rus­si­scher Rückzug aus neo­im­pe­ria­lis­ti­schen Pro­jek­ten wie­derum könnten para­do­xer­weise bedeu­ten, dass Belarus schließ­lich der Ukraine schritt­weise doch ähn­li­cher wird. Wenn Moskau Minsk ermög­licht, seinem eigenen geo­po­li­ti­schen Weg zu folgen, wird es sich früher oder später womög­lich auch dem Westen zuwen­den, anstatt seinen tra­di­tio­nel­len pro­rus­si­schen Kurs fort­zu­set­zen.

Textende

Portrait von Andreas Umland

Dr. Andreas Umland ist Senior Expert am Ukrai­nian Insti­tute for the Future in Kyjiw und Her­aus­ge­ber der Buch­reihe „Soviet and Post-Soviet Poli­tics and Society“ beim ibidem-Verlag Stutt­gart.

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