Vom Krieg in den Frieden

© Michael Forster Roth­bart

Seit 2014 tobt im Osten der Ukraine ein Krieg, der bislang 13.000 Men­schen das Leben gekos­tet hat. Während der Kon­flikt wei­ter­geht, ver­su­chen Men­schen, die Ange­hö­rige auf dem Schlacht­feld ver­lo­ren haben, ihren eigenen Frieden zu finden. Denis Tru­bets­koy hat in Kyjiw Men­schen getrof­fen, deren Leben durch den Kon­flikt aus den Fugen geraten ist. Eine Nah­auf­nahme aus einem Land, das sich im Krieg befin­det und den Frieden sucht. Von Denis Tru­bets­koy

Nata­lija Dubt­schak wird selten emo­tio­nal. Auch wenn sie vom Tod ihres Sohnes Olex­an­der Jeroscht­schenko erzählt, der als Soldat im Februar 2015 im Donbas gefal­len ist, fließen keine Tränen. Das hat viel­leicht mit ihrem Beruf zu tun: Zwei Jahr­zehnte lang diente die 57-jährige Kyji­we­rin bei den ukrai­ni­schen Streit­kräf­ten, war sogar Bera­te­rin des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters. Kaum eine Sol­da­ten­mut­ter kennt mili­tä­ri­sche Rea­li­tä­ten besser als sie. Das hilft. Doch wenn sich Nata­lija an die letzte Begeg­nung mit ihrem Sohn erin­nert, wird ihre sonore, tiefe Stimme zaghaft und brüchig: „Olex­an­der hatte vor den Neu­jah­res­fe­rien 2014/​2015 uner­war­tet Front­ur­laub bekom­men.“ Für Nata­lija Dubt­schak sollte sein Besuch eine Über­ra­schung werden. „Die ganze Familie hielt dicht“, erzählt Dubt­schak. „Als er dann plötz­lich vor mir stand, sagte er mir: Mutti, du musst dich nicht mehr für mich schämen.“ Sie bricht in Tränen aus.

© Alex­an­der Chek­menev

Sein großer Traum war es, für die Ukraine zu kämpfen

Von Anfang an wollte Olex­an­der zur ukrai­ni­schen Armee, obwohl er in der rus­si­schen Exklave Kali­nin­grad geboren wurde. Seine Mutter Nata­lija war damals, zur Sowjet­zeit, mit einem bela­rus­si­schen Militär ver­hei­ra­tet, der dorthin geschickt wurde. Beim Medi­zin­check konnte Olex­an­der die Ärzte über­zeu­gen, ihn trotz einer Wir­bel­säu­len­krüm­mung für den Pflicht­dienst zuzu­las­sen, ebenso für die Mili­tär­schule. Doch die Offi­ziers­lauf­bahn blieb ihm trotz guter Leis­tun­gen wegen der leich­ten gesund­heit­li­chen Pro­bleme ver­wehrt. Als Russ­land im März 2014 die süd­ukrai­ni­sche Halb­in­sel Krim annek­tierte und kurz darauf der Krieg in der Ost­ukraine aus­brach, gab es für Jeroscht­schenko aber kein Halten mehr. „Er war beses­sen von der ukrai­ni­schen Geschichte, seine Freunde nannten ihn nur ‚den His­to­ri­ker‘. Er wollte nicht dane­ben­ste­hen, als die hart erkämpfte Sou­ve­rä­ni­tät der Ukraine wieder auf dem Spiel stand“, sagt seine Mutter.

Olex­an­ders Tod war nicht umsonst“

Die Armee war sein Traum, er wollte dort den Unter­schied machen. Er wollte, dass ich stolz auf ihn bin“, erzählt Nata­lija Dubt­schak weiter. Sie bereut nicht, dass sie die Bestre­bun­gen ihres Sohnes unter­stützt hat. „Der Krieg ist in seiner Exis­tenz fürch­ter­lich. Einen Krieg ohne Ver­luste gibt es nicht“, sagt sie mit blei­er­ner Stimme. „Wenn ich sicher sein könnte, dass der Frieden durch Olex­an­ders Tod wahr­schein­li­cher würde, ich würde ihn wieder unter­stüt­zen.“ Viel­leicht fällt der Mutter so ein Satz leich­ter, weil sie weiß, dass ihr Sohn in seinen letzten Augen­bli­cken zum Helden gewor­den ist. Am 14. Februar, einen Tag vor dem Inkraft­tre­ten der durch das Minsker Frie­dens­ab­kom­men gere­gel­ten Waf­fen­ruhe, rettete ihr Sohn das Leben eines Kame­ra­den, der von fünf Sepa­ra­tis­ten umzin­gelt worden war. Olex­an­der wurde von den Kugeln eines Maschi­nen­ge­wehrs getrof­fen, der Kamerad kam mit dem Leben davon. „Dieser Junge kam letztes Jahr zu mir und erzählte, dass er nur dank Olex­an­der jetzt seine eigene Familie hat. Er ist wie ein zweiter Sohn für mich. Spä­tes­tens seitdem weiß ich: Olex­an­ders Tod war nicht umsonst.“

Den Knoten des Schwei­gens durch­bre­chen

Heute arbei­tet Nata­lija Dubt­schak beim mili­tä­ri­schen Kaplan der Ukrai­ni­schen Grie­chisch-Katho­li­schen Kirche. Sie hilft anderen Eltern, die ihre Kinder im Krieg ver­lo­ren haben. Hört ihnen zu. Ver­sucht, ihnen Kraft zu geben. „Meist sind es Sol­da­ten­müt­ter, die zu uns kommen. Aber auch Väter besu­chen unsere Selbst­hil­fe­gruppe“, sagt sie. Diese Treffen, bei denen stets ein Pfarrer zugegen ist, finden in Kyjiw in der Auf­er­ste­hungs­ka­the­drale statt. Die Gruppe orga­ni­siert Pil­ger­fahr­ten ins Ausland, um den Sol­da­ten­el­tern die Rück­kehr ins normale Leben zu erleich­tern. Außer­dem hat die Kirche einen Kalen­der her­aus­ge­ge­ben: Auf jedem der zwölf Blätter ist eine ver­waiste Sol­da­ten­mut­ter abge­bil­det. Die Gruppe ver­sucht, den Knoten des Schwei­gens zu durch­schla­gen. „Bei mir war es so, dass selbst enge Ver­wandte Angst davon hatten, mich auf den Tod Olex­an­ders anzu­spre­chen. Sie trauten sich nicht, mich anzu­ru­fen“, bedau­ert die 57-Jährige. „Des­we­gen wollen wir einer­seits, dass sich Mütter und Väter mit anderen Betrof­fen aus­tau­schen, und ande­rer­seits möchten wir die Sicht­bar­keit des Eltern­pro­blems in der Gesell­schaft erhöhen. Denn zu viele Eltern glauben, dass ihr Leben nach dem Tod eines Kindes vorbei sei.“

Frieden zu rus­si­schen Bedin­gun­gen ist Kapi­tu­la­tion“

Nata­lija kennt das enorme Leid, das sie in Gesprä­chen mit anderen Eltern immer wieder erlebt. Trotz­dem blickt sie skep­tisch auf die Frie­dens­in­itia­tive des neuen Prä­si­den­ten Wolo­dymyr Selen­skyj, der anders als sein Vor­gän­ger Petro Poro­schenko auf mehr Dialog mit Russ­land setzt. Seit Selen­skyjs Amts­an­tritt im Mai 2019 gab es jeweils einen Gefan­ge­nen­aus­tausch zwi­schen Kyjiw und Moskau und zwi­schen Kyjiw und den selbst­er­nann­ten Volks­re­pu­bli­ken Donezk und Luhansk. Außer­dem wurden an drei Orten entlang der Front­li­nie im Donbas die Truppen ent­floch­ten, weitere Abzüge sollen folgen. „Ich freue mich für jede Familie, die ihren Sohn wie­der­se­hen darf und ich will selbst­ver­ständ­lich den Frieden. Das ist das Wich­tigste“, sagt Nata­lija. Aber: „Der Preis muss fair bleiben. Frieden zu rus­si­schen Bedin­gun­gen ist Kapi­tu­la­tion.“

Laut Umfra­gen des Sozio­lo­gie-Insti­tuts Rating Group ist der Frieden im Donbas für 64 Prozent der Ukrai­ner die Schlüs­sel­for­de­rung an Prä­si­dent Selen­skyj. Die Ukraine und Russ­land haben jedoch unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen, wie die Reinte­gra­tion des Donbas in der Praxis funk­tio­nie­ren soll. Der Kreml besteht auf einer bedin­gungs­lo­sen Imple­men­tie­rung des Minsker Frie­dens­ab­kom­mens, das die Aus­tra­gung der Kom­mu­nal­wah­len im besetz­ten Gebiet noch vor der Über­gabe der Kon­trolle über die ukrai­nisch-rus­si­sche Grenze im Donbas an Kyjiw vor­schreibt. Viele in der Ukraine haben jedoch große Angst vor den Wahlen im de facto noch von pro­rus­si­schen Sepa­ra­tis­ten kon­trol­lier­ten Gebiet. Denn in diesem Fall stehen die Chancen gut, dass im Donbas auch nach der Rück­kehr in die Ukraine die­sel­ben Men­schen an der Macht bleiben. Auch der letzte Gefan­ge­nen­aus­tausch mit den Sepa­ra­tis­ten ist nicht grund­los umstrit­ten. So musste Kyjiw Mit­glie­der der während der Maidan-Revo­lu­tion 2014 gegen die Demons­tran­ten ein­ge­setz­ten Spe­zi­al­ein­heit der ukrai­ni­schen Polizei Berkut (Stein­ad­ler) frei­las­sen, die mit dem Donbas-Krieg über­haupt nichts zu tun haben.

Nicht alle, die man auf den Bildern sieht, haben den Krieg über­lebt“

Es gibt genauso viele Argu­mente dafür wie dagegen. Ich weigere mich, eine end­gül­tige Posi­tion zu bezie­hen, obwohl ich vieles kri­tisch sehe“, sagt Dmytro Kulisch in seinem Büro im ange­sag­ten Kyjiwer Bezirk Podil. Mit seinem Unter­neh­men ver­mie­tet Kulisch Gewer­be­flä­chen. Hinter dem Schreib­tisch des kräf­ti­gen, kahl­ge­scho­re­nen Mannes hängt eine riesige ukrai­ni­sche Flagge mit dem Symbol des Frei­wil­li­gen­ba­tail­lons Donbas, zu deren Leitung der Scharf­schütze Kulisch gehörte. Die Wände des win­zi­gen Büros sind getä­felt mit Foto­gra­fien seiner ehe­ma­li­gen Batail­lons­ka­me­ra­den. „Nicht alle, die man auf den Bildern sieht, haben den Krieg über­lebt.“

Zehn Monate in Kriegs­ge­fan­gen­schaft – drei davon im Keller

Auch Dmytro hat der Krieg hart erwischt. Sein Batail­lon hatte im August 2014 die Klein­stadt Ilo­wa­jsk, rund 40 Kilo­me­ter von Donezk ent­fernt, größ­ten­teils ein­ge­nom­men. Doch dann wurden die Männer in der Stadt ein­ge­kes­selt – mut­maß­lich von regu­lä­ren rus­si­schen Truppen. Die Schlacht von Ilo­wa­jsk gilt heute als ein Wen­de­punkt des Krieges. Obwohl Russ­land sich offi­zi­ell für einen huma­ni­tä­ren Kor­ri­dor für die Ukrai­ner ein­setzte, wurden sie beim Versuch, Ilo­wa­jsk zu ver­las­sen, beschos­sen. Laut offi­zi­el­len Angaben der ukrai­ni­schen Streit­kräfte fielen 366 Sol­da­ten, die tat­säch­li­che Zahl könnte noch höher liegen. Die Sepa­ra­tis­ten nahmen mehr als 300 Gefan­gene, dar­un­ter Dmytro Kulisch, der es als Scharf­schütze und Kom­man­deur einer Spe­zi­al­ein­heit beson­ders schwer hatte. Zehn Monate ver­brachte Kulisch in Gefan­gen­schaft, drei davon im Keller des ehe­ma­li­gen Gebäu­des des ukrai­ni­schen Sicher­heits­diens­tes SBU in Donezk, sechs weitere in der lokalen Unter­su­chungs­haft­an­stalt.

© Alex­an­der Chek­menev

In Gefan­gen­schaft ist der einst zwei Meter große Kulisch um sechs Zen­ti­me­ter kleiner gewor­den, mit seiner Wir­bel­säule kämpft der 42-Jährige bis heute. „Vor allem im SBU-Gebäude war es schwer. Man hat mich drei Tage lang befragt – und ich konnte nach dieser ‚Befra­gung‘ einen Monat lang nicht auf­ste­hen”, erzählt er.

Wir müssen die pro­u­krai­ni­schen Men­schen zu uns holen“

Im Juni 2015 wurde Dmytro Kulisch gegen einen hoch­ran­gi­gen Sepa­ra­tis­ten aus­ge­tauscht. Die meisten anderen Kämpfer des Batail­lons Donbas kehrten bereits nach vier Monaten aus der Gefan­gen­schaft zurück. Wenn Kulisch auf die heutige Lage in der Ost­ukraine blickt, ist er ähnlich skep­tisch wie Nata­lija Dubt­schak. „Ich hätte gerne den Frieden. Aber der pas­sende Zeit­punkt ist vorüber. Wir müssen die pro­u­krai­ni­schen Men­schen zu uns holen und eine Mauer um den besetz­ten Teil des Donbas bauen“, meint der 42-Jährige. Er fügt hinzu: „Ich meine das nicht buch­stäb­lich. Aber ich habe dort vor Ort mit­be­kom­men, wie Kinder, die mit­ein­an­der spielen das Wort ‚Ukrai­ner‘ als Schimpf­wort benut­zen. Das bekommt man doch nicht von heute auf morgen aus den Köpfen.“ Dafür ver­ant­wort­lich sei die riesige Pro­pa­gan­da­ma­schine Russ­lands, die die Men­schen im Donbas ver­gifte. „Dagegen muss eine schlag­kräf­tige Kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­tik ent­wi­ckelt werden.“ Die gibt es, laut Kulisch, aber unter Wolo­dymyr Selen­skyj noch nicht.

Auch der ehe­ma­lige Jour­na­list Jehor Wor­ob­jow geriet in den Wirren der Schlacht von Ilo­wa­jsk in Gefan­gen­schaft. „Offi­zi­ell hieß es, dass die Ukrai­ner in Ilo­wa­jsk gewin­nen, deshalb bin mit einem wei­te­ren Jour­na­lis­ten und einem Kame­ra­mann dorthin gefah­ren. Vor Ort war schnell klar, dass das eine Lüge war“, erzählt der 37-jährige Kyjiwer mit sar­kas­ti­schem Lächeln.

© Alex­an­der Chek­menev

Es mache ihm nichts aus, zu weinen, wenn er an diese Zeit seines Lebens denke. Einzig sein Humor helfe ihm, nicht den Ver­stand zu ver­lie­ren. Beim Versuch, den Kessel zu ver­las­sen, fielen sie den Sepa­ra­tis­ten in die Hände. Wor­ob­jows Kol­le­gen wurden schnell frei­ge­las­sen. Er selbst blieb 38 Tage in Gefan­gen­schaft – unter anderem des­we­gen, weil er genug Mate­rial für zwei Repor­ta­gen hatte, die er nicht an seine Redak­tion in Kyjiw schi­cken sollte. Doch Wor­ob­jows ver­steckte die Spei­cher­kar­ten in seiner Schuh­sohle und lud das Mate­rial auf YouTube hoch. Am Ende nutzte das US-Außen­mi­nis­te­rium sein gefilm­tes Mate­rial als Beweis für den Einsatz der regu­lä­ren rus­si­schen Truppen im Donbas. „Ich war völlig alleine in einem Zimmer, das dauerte mehr als 20 Tage. Alle zwei Tage durfte ich etwas essen, Licht gab es keines. Geschla­fen habe ich auf Glas­wolle“, sagt Wor­ob­jow, der kurz nach seiner Frei­las­sung dem Jour­na­lis­mus den Rücken gekehrt hat und in die PR-Branche gewech­selt ist.

Die meisten Ukrai­ner wün­schen sich, dass endlich Ruhe ein­kehrt

Auf Selen­skyjs Frie­dens­po­li­tik ange­spro­chen, sagt der Ex-Jour­na­list: „Ich glaube, die meisten Ukrai­ner hätten gern endlich ihre Ruhe“ – und dabei sei völlig egal, um welchen Preis. „Was jetzt statt­fin­det ist kein Frieden, sondern eine Kapi­tu­la­tion und die ist für die Men­schen, die den Donbas-Krieg erlebt haben, inak­zep­ta­bel.“

Mit seiner Meinung steht Wor­ob­jow nicht alleine in dem kri­sen­ge­schüt­tel­ten Land. In der Tat ist die Mehr­heit der Ukrai­ner bereit, einige Kom­pro­misse in der Ost­ukraine ein­zu­ge­hen. Doch die Wunden, die der Krieg in den Men­schen hin­ter­las­sen hat, sind zu tief und zu frisch. Frieden, das lernt man dieser Tage in Kyjiw, ist keine Frage von Gefan­ge­nen­aus­tausch und Absichts­er­klä­run­gen. Frieden kann erst ein­keh­ren, wenn die Men­schen bereit sind, ihn zu leben.

Dieser Text wurde vom inter­na­tio­na­len Jour­na­lis­ten­netz­werk n‑ost pro­du­ziert und vom Ost­eu­ropa Hilfs­werk Renova­bis geför­dert.

Portrait von Denis Trubetskoy

Denis Tru­bets­koy ist freier Jour­na­list für deutsch­spra­chige Medien in der ukrai­ni­schen Haupt­stadt Kyjiw.

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