Der Tag des Sieges als ein Symptom für den Virus der “rus­si­schen Welt” in der Ukraine

„Marsch des unsterb­li­chen Regi­ments“, Odesa 2016 © Saskia Heller

Das Geden­ken um das Ende des Zweiten Welt­krie­ges spaltet nach wie vor die ukrai­ni­sche Gesell­schaft. Seit ein paar Jahren ist der 8. Mail als Tag des Geden­kens und der Ver­söh­nung fest­ge­legt, aber der 9. Mai wird auch noch als Sieg über den Natio­nal­so­zia­lis­mus im Zweiten Welt­krieg gefei­ert. Vor allem in der 9. Mai und der Sieg über den Natio­nal­so­zia­lis­mus wird seitens Russ­land instru­men­ta­li­siert, um die „rus­si­sche Welt“ zusam­men­zu­hal­ten. Aber welchen Stel­len­wert haben die Gedenk­tage im his­to­ri­schen Gedächt­nis der Ukrainer*innen? Ein Gast­bei­trag von Serhii Schapow­a­low, poli­ti­scher Analyst bei Demo­cra­tic Initia­ti­ves.

Die Ukraine erwar­tet vor dem 9. Mai massive Infor­ma­ti­ons­an­griffe von Seiten Russ­lands. Diese Angriffe haben das Ziel, den Ukrai­nern die rus­si­sche Inter­pre­ta­tion der Geschichte und den Kult des Sieges auf­zu­zwin­gen. Die pro­rus­si­schen Poli­ti­ker in der Ukraine und ihre Medien haben bereits im Februar die bekannte “Siegestag”-Rhetorik akti­viert.

So meint zum Bei­spiel der Abge­ord­nete Wadym Rabi­nowytsch, dass die Ver­tre­ter der Ukraine an der Sie­ges­pa­rade in Moskau teil­neh­men sollten. Der dama­lige Außen­mi­nis­ter Wadym Prysta­jko ver­kün­dete, die ukrai­ni­sche Regie­rung habe keine Absicht, an der Parade teil­zu­neh­men, die Ukraine werde den 9. Mai in einem euro­päi­schen Format feiern. Dar­auf­hin sprach der fak­ti­sche Vor­sit­zende der “Oppo­si­ti­ons­platt­form – für das Leben” Wiktor Med­wedt­schuk von “Katz­bu­cke­lei vor dem Westen, russo­pho­ber Hys­te­rie und hurra-patrio­ti­schem Scheu­klap­pen­den­ken”.

Die­selbe These wird in zahl­rei­chen Talk­shows beim ukrai­ni­schen Sender NewsOne breit­ge­tre­ten, und der Kyjiwer Sender namens „Nasch“ (russ. für “unser”) hat schon vor zwei Monaten ange­fan­gen, die Tage bis zum „Tag des großen Sieges“ zu zählen. „Inter“, ein Sender, der von 34% der ukrai­ni­schen Zuschauer regel­mä­ßig gesehen wird, ist noch weiter gegan­gen: Das ganze Jahr 2020 wurde zum Jahr des 75. Sie­ges­ju­bi­lä­ums erklärt. Seit Januar werden dort im Früh­stücks­fern­se­hen Bei­träge “über die Ereig­nisse des Großen Vater­län­di­schen Krieges, über die legen­dä­ren Hee­res­füh­rer und Per­sön­lich­kei­ten” prä­sen­tiert.

Doch warum wird aus­ge­rech­net der Kult um den Tag des Sieges vom Kreml so inten­siv als ein Instru­ment genutzt, um die Ukraine inner­halb der „rus­si­schen Welt“ zu behal­ten? Kann die Ukraine ihre Posi­tion in diesem ideo­lo­gi­schen Kampf mit der Rus­si­schen Föde­ra­tion behaup­ten?

Was ist die “rus­si­sche Welt” und welchen Platz nimmt der Tag des Sieges in diesem Konzept ein?

Das Konzept der “rus­si­schen Welt” (“русский мир”) wird seit 2006 von der Rus­si­schen Föde­ra­tion aktiv für die Aus­wei­tung des geo­po­li­ti­schen Ein­flus­ses genutzt, indem man ver­sucht, die „Dia­spora“ ein­zu­bin­den. Ein Zitat von Putin: “Dieser Tag der Einheit vereint nicht nur das Volk Russ­lands, sondern auch Mil­lio­nen unserer Lands­leute im Ausland – die ganze soge­nannte rus­si­sche Welt”. Doch welche Merk­male machen jeman­den zu einem “Russen” und, folg­lich, zu einem Ange­hö­ri­gen dieser rus­si­schen Welt?

Es gibt keine strik­ten Kri­te­rien der Zuge­hö­rig­keit; das eigene Gefühl der Iden­ti­fi­ka­tion mit der Gemein­schaft der „Russen“ genügt. Die eth­ni­sche Kom­po­nente ist nicht zwin­gend. Das Natio­nale Ukrai­ni­sche Insti­tut für Stra­te­gi­sche For­schung (NUISF) hat die pro­gram­ma­ti­schen Papiere der Stif­tung “Rus­si­sche Welt” ana­ly­siert und ist zurecht zum fol­gen­den Schluss gekom­men:

“Unter der ‘rus­si­schen Welt’ ver­steht man heute eine Gemein­schaft von Men­schen, die auf die eine oder andere Art und Weise mit Russ­land ver­bun­den sind, und die fol­gende Gemein­sam­kei­ten teilen:

  1. Sprache und Kultur;

  2. his­to­ri­sches Gedächtnis;

  3. Kon­fes­sion, in diesem Fall die Ortho­do­xie;

  4. Loya­li­tät gegen­über dem rus­si­schen Staat.“

Doch sind all diese Ele­mente für eine Zuge­hö­rig­keit des Ein­zel­nen zur “rus­si­schen Welt” glei­cher­ma­ßen wichtig? Die Sprache ist zwar ein wich­ti­ges Element der Iden­ti­tät, ist aber nicht zwin­gend erfor­der­lich, da es „auf der Erde viele Men­schen gibt, die sich selbst als Russen ver­ste­hen und sich mit Russ­land iden­ti­fi­zie­ren, jedoch nicht mehr Rus­sisch spre­chen“. Das­selbe gilt für die Kon­fes­sion: „Ein Teil der ‘rus­si­schen Welt’ ist isla­mi­schen, bud­dhis­ti­schen oder jüdi­schen Glau­bens. In den USA gibt es mehr rus­sisch­stäm­mige Pro­tes­tan­ten als Ortho­doxe”.

Heute ist der Sieg im Großen Vater­län­di­schen Krieg wohl der wich­tigste iden­ti­täts­stif­tende Faktor für die Russen und glei­cher­ma­ßen ein Mythos, der den rus­si­schen Staat legi­ti­miert. Die Geschichte dieses Krieges und der Sieg sind schon seit 1965 Gegen­stand eines regel­rech­ten Kultes gewor­den. Damals hat die sowje­ti­sche Führung infolge einer beob­ach­te­ten Schwä­chung der ideo­lo­gi­schen Legi­ti­ma­tion voll auf diesen Sieg gesetzt – der Sieg als ein neues Symbol, um die Macht zu fes­ti­gen.

Die post­so­wje­ti­sche Regie­rung Russ­lands hat diese Tra­di­tion der Aus­nut­zung des sym­bo­li­schen Kapi­tals des Sieges fort­ge­führt, um eine neue Iden­ti­tät auf­zu­bauen. Die For­scher des NUISF sind sich einig, dass dies heute „das einzige Ereig­nis der Geschichte ist, welches für alle Bürger Russ­lands aktuell ist und alle vereint”, das sei „Russ­lands grund­le­gen­des Ritual“. In der UdSSR wurde die Sie­ges­pa­rade nur in den Jubi­lä­ums­jah­ren abge­hal­ten (1965, 1975, 1985, 1990); in der Rus­si­schen Föde­ra­tion dagegen wird die Parade seit 1996 jähr­lich durch­ge­führt. Alleine in Moskau kosten die Fei­er­lich­kei­ten mehr als 7 Mil­lio­nen US-Dollar.

Laut einer Umfrage des WZIOM (rus­si­sche Abkür­zung für “All­rus­si­sches Zentrum der Erfor­schung der öffent­li­chen Meinung”) war der Tag des Sieges 2018 für die Russen der wich­tigste Fei­er­tag. 80 Prozent der Bewoh­ner Russ­lands wollten sich in diesem Jahr den Fei­er­lich­kei­ten anschlie­ßen. 2019 wollten 76 Prozent der Russen die Über­tra­gung der Parade im Fern­se­hen ver­fol­gen, und eine Umfrage Ende Mai hat gezeigt, dass die Fei­er­lich­kei­ten 80 Prozent der Zuschauer gefal­len haben.

„Der Krieg von 1941–1945 ist für die rus­si­sche Elite sowie den größten Teil der Gesell­schaft zu einem gemein­sa­men Anhalts­punkt gewor­den. Ihre Väter haben in diesem Krieg gekämpft. Und der Sieg 1945 wurde zu einem Hei­lig­tum, so wie es die Okto­ber­re­vo­lu­tion von 1917 für die vorigen Genera­tio­nen war. Der Krieg von 1941–1945 gilt als der Grün­dungs­mo­ment des moder­nen rus­si­schen Staates“. Dieser Sieg ist mehr als nur ein Element des Kon­zepts der “rus­si­schen Welt”, er hat diese Welt ja erst möglich gemacht: 1945 wurden „Russ­land und die Rus­si­sche Welt ganz offen­sicht­lich geret­tet“.

Wenn also der Sie­gesmy­thos für Russ­land und die Russen so wichtig ist (und folg­lich auch für die soge­nannte rus­si­sche Welt), dann ist die Akzep­tanz der rus­si­schen Inter­pre­ta­tion der Geschichte und des Sie­ges­kults der mini­male not­wen­dige Berüh­rungs­punkt, um dieser Welt bei­zu­tre­ten. Aus diesem Grund ver­su­chen die pro­rus­si­schen Akteure in der Ukraine, das sym­bo­li­sche Kapital des “großen Sieges” maximal aus­zu­schlach­ten.

Was wurde schon erreicht und was muss die Ukraine noch unter­neh­men?

Momen­tan ist es schwie­rig zu beur­tei­len, wie inten­siv der Diskurs um den Tag des Sieges in den pro­rus­si­schen Medien heute wäre, wären sie nicht gezwun­gen, das all­ge­gen­wär­tige Thema Coro­na­vi­rus, dessen immer noch rasche Aus­brei­tung in Russ­land letzt­end­lich zur Absage der sakra­len Sie­ges­pa­rade geführt hat, zu beleuch­ten. Das ver­schlingt natür­lich einen großen Teil der Energie und der Res­sour­cen dieser Medien. Doch das ist natür­lich nur eine vor­über­ge­hende Abschwä­chung des Medi­en­drucks und löst für die Ukraine kei­nes­falls das Problem, wie man der Pro­pa­ganda der Rus­si­schen Föde­ra­tion begeg­nen kann.

Es gibt jedoch eine Reihe wich­ti­ger Beschlüsse in diesem Bereich. Die kom­mu­nis­ti­sche Herr­schaft 1917–1991 wurde in der Ukraine als ein ver­bre­che­ri­sches Régime aner­kannt, genauso wie die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Herr­schaft. Die Sym­bo­lik des Sowjet­re­gimes wurde ver­bo­ten (die Flagge, Hammer und Sichel, Denk­mä­ler, Orts­na­men). Die Ukraine feiert den 9. Mai offi­zi­ell als den Sieg über den Natio­nal­so­zia­lis­mus im Zweiten Welt­krieg, somit löst sie sich von der offi­zi­el­len sowje­ti­schen Inter­pre­ta­tion des „Großen Vater­län­di­schen Krieges“.

Neben dem 9. Mai wurde der 8. Mai als Tag des Geden­kens und Ver­söh­nung fest­ge­legt. Die Archive aus der Zeit der sowje­ti­schen Repres­sio­nen wurden geöff­net und das öffent­li­che Tragen des Sankt-Georgs-Bands, das unter Putin zum pro­rus­si­schen Loya­li­täts­sym­bol wurde, ist ver­bo­ten. Die Fern­seh­aus­strah­lung von Filmen und von Bei­trä­gen, die die Ver­bre­chen der UdSSR leugnen, ist eben­falls ver­bo­ten. Zudem ver­öf­fent­licht das Ukrai­ni­sche Insti­tut für natio­na­les Geden­ken regel­mä­ßig Infor­ma­tio­nen, in denen die Ereig­nisse des Zweiten Welt­krie­ges neu auf­ge­ar­bei­tet werden.

Die beschlos­se­nen Gesetze bedeu­ten jedoch nicht, dass diese von der Gesell­schaft auch flä­chen­de­ckend unter­stützt werden. Ein Teil der Ukrai­ner war eben lange dem Ein­fluss sowje­ti­scher Mythen aus­ge­setzt. Sie ver­ste­hen die neue, ver­än­derte Erin­ne­rungs­kul­tur (noch) nicht und lehnen diese auch ab. In einer jüngst von uns erho­be­nen reprä­sen­ta­ti­ven Umfrage gaben 53 Prozent der Befrag­ten an, den 9. Mai für den „Tag des Sieges des sowje­ti­schen Volkes im Großen Vater­län­di­schen Krieg“ zu halten. Doch stimmen 56 Prozent der befrag­ten Ukrai­ner zu, dass die Sowjet­union zusam­men mit Nazi-Deutsch­land die Ver­ant­wor­tung für den Kriegs­be­ginn trägt. Auch finden 53 Prozent der Befrag­ten, dass der Tag des Geden­kens und Ver­söh­nung gefei­ert werden muss. Dies bezeugt einen all­mäh­li­chen Abgang von sowje­ti­schen Dogmen.

Die Akti­vi­tä­ten der pro­rus­si­schen Mas­sen­me­dien in der Ukraine ver­lang­sa­men die Ent­wick­lung des gesell­schaft­li­chen Bewusst­seins. Das rus­si­sche Fern­se­hen wird in der Ukraine zwar blo­ckiert, aber die ukrai­ni­schen pro­rus­si­schen Medien werden selten auf ihre Geset­zes­kon­for­mi­tät über­prüft, und die Buß­gel­der sind nicht hoch genug.

Folg­lich sollte sich die Ukraine ver­stärkt auf die Popu­la­ri­sie­rung der moder­nen Inter­pre­ta­tion des Zweiten Welt­krie­ges und auf die Neu­tra­li­sie­rung der Infor­ma­ti­ons­an­griffe aus Russ­land kon­zen­trie­ren. Dafür muss der Staat die bestehen­den Gesetze sys­te­ma­tisch durch­set­zen und die unter­schied­li­chen staat­li­chen und nicht-staat­li­chen Akteure ange­mes­sen zur öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dung bei­tra­gen, um klar pro­rus­si­sche Nar­ra­tive zu hin­ter­fra­gen und Pro­pa­ganda als solche zu ent­blö­ßen. Denn sollte die Ukraine diesen Krieg um die Köpfe der Men­schen ver­lie­ren, wird sie ihre Unab­hän­gig­keit von der Rus­si­schen Föde­ra­tion nicht bewah­ren können. Sie würde damit Gefahr laufen, in die Umlauf­bahn der rus­si­schen Welt zurück­keh­ren. Russ­land müsste in diesem Fall nicht einmal mehr Gewalt anwen­den.

Aus dem Ukrai­ni­schen über­setzt von Ludmila Shnyr. 

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