Life­line Ukraine – eine Hotline zur Sui­zid­prä­ven­tion

© Mara­fona, Shut­ter­stock

Nach mehr als fünf Jahren Krieg leben in der Ukraine mehr als 370.000 Vete­ra­nen. Aber noch immer werden ihre psy­chi­schen Pro­bleme stig­ma­ti­siert und Kriegs­t­rau­mata tabui­siert. Nun ver­sucht eine Hotline, den Betrof­fe­nen zu helfen.

© Daniela Prugger

Paul Niland sieht aus, als habe er wenig Schlaf gehabt. Er trinkt Tee aus einer Tasse mit der Auf­schrift „Fuck you Putin“. Der 47-jährige ist Mit­be­grün­der von „Life­line Ukraine“, der ersten Suizid-Prä­ven­ti­ons­hot­line des Landes. Das Pilot­pro­jekt richtet sich an die mehr als 370.000 Vete­ra­nen, die noch bis vor kurzem im Osten gegen von Russ­land unter­stüt­zen Sepa­ra­tis­ten kämpf­ten.

Seit Mitte Oktober 2019 sind die Tele­fone im Kyjiwer Büro rund um die Uhr besetzt, vor allem nachts, denn dann gehen die meisten Anrufe ein. Das Kon­fe­renz­zim­mer, in dem ein Bücher­re­gal und einige Topf­pflan­zen stehen, wurde längst zu einem Schlaf­raum umfunk­tio­niert. An der Wand lehnen zwei Klapp­bet­ten. „Die sind für die Mit­ar­bei­ter, wenn sie eine Pause brau­chen“, sagt Niland.

Die Ent­ste­hung der Hotline

Der gebür­tige Ire lebt seit Jahren in der Ukraine, er ist eigent­lich Schrift­stel­ler. Doch als seine Bekannte, die ehe­ma­lige ukrai­ni­sche Gesund­heits­mi­nis­te­rin Ulana Suprun, ihn darum bat, das Projekt zu über­neh­men, sagte Niland zu. „Ich hatte keine Erfah­rung in diesem Bereich, genauso wenig wie die meisten, die hier arbei­ten.“

Niland und sein 30-köp­fi­ges Team haben sich mona­te­lang ein­ge­le­sen und inter­na­tio­nale Work­shops besucht. „Die israe­li­schen Exper­ten, mit denen wir uns aus­ge­tauscht haben, sagten: Ihr seid noch nicht soweit. Aber gleich­zei­tig gibt es nie­man­den in diesem Land, der unseren Job zu diesem Zeit­punkt besser oder über­haupt machen würde.“ Immer­hin: Die Hälfte der Mit­ar­bei­ter sind Vete­ra­nen und wissen, was die Anrufer erlebt haben.

Es haben bereits Men­schen ange­ru­fen, die kurz davor­stan­den, sich das Leben zu nehmen. „In so einer Situa­tion haben wir ein Zeit­fens­ter von 15 Minuten. Wenn diese Person dann noch immer dran ist, haben wir ein Leben geret­tet, das wissen wir aus dem inter­na­tio­na­len Ver­gleich“, sagt Niland.

Das Ziel eines jeden Tele­fo­nats sei es, den Anru­fen­den bewusst zu machen, dass sie nicht alleine sind. Sie werden an ihre Eltern, Freunde, Kinder und Geschwis­ter erin­nert, die sie im Falle eines Selbst­mor­des trau­ma­ti­siert zurück­las­sen würden. „Jemand, der sich das Leben nehmen will, sieht nur noch schwarz-weiß. Wir ver­su­chen im Gespräch, dieses Schema zu durch­bre­chen: Ja, es ist gerade Winter. Aber auf den Winter folgt der Früh­ling.“

Jedes Gespräch beginnt und endet auf die­selbe Art, mit den Worten: „Life­line Ukraine, ich höre Ihnen zu“ und „Wenn dieses Gespräch nun endet, kann ich davon aus­ge­hen, dass Sie sich nichts antun?“ Wird diese Frage mit ja beant­wor­tet, ant­wor­tet der Mit­ar­bei­ter: „Rufen Sie uns so oft an, wie sie möchten.“ – „Lautet die Antwort „Nein“, haben wir unseren Job noch nicht erle­digt“, sagt Niland.

Während der ersten Monate wurde die Nummer „7333“ mehr als 800 Mal gewählt. Nicht alle Anrufer waren sui­zi­dal. Manche leiden unter Depres­sio­nen oder sind alleine und suchen einfach jeman­den zum Reden. Aber Niland sagt, die Anzahl der Selbst­morde wird weiter zuneh­men, eine ähn­li­che Ent­wick­lung sei in den USA zu beob­ach­ten. Er geht davon aus, dass es seit Kriegs­aus­bruch 1.000 Suizide gab. „Es ist schon tra­gisch, dass wir jede Woche ein paar Fälle haben. In einigen Jahren könnte das zu einer natio­na­len Tra­gö­die werden.“

Sui­zid­fälle unter Vete­ra­nen kaum erfasst

Aus dem Minis­te­rium für Vete­ra­nen­an­ge­le­gen­hei­ten heißt es, dass es keine valide Selbst­mord-Sta­tis­tik gibt, schlicht­weg deshalb, weil in der Ukraine niemand diese Sui­zid­fälle zähle oder als solche kate­go­ri­siere. Vor kurzem hat das Minis­te­rium gemein­sam mit der Inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tion für Migra­tion (IOM) eine von der EU-finan­zierte Studie durch­ge­führt, wofür 1.780 Vete­ra­nen und 750 Fami­li­en­mit­glie­der inter­viewt wurden.

Etwa 30 Prozent der Befrag­ten gaben an, sich von der Gesell­schaft aus­ge­schlos­sen zu fühlen. Und als die Partner der Vete­ra­nen gefragt wurden, wie oft sie gemein­sam über die Erin­ne­run­gen und das Erlebte im Krieg sprä­chen, gaben 55 Prozent an: nie oder fast nie. Etwa 26 Prozent der Vete­ra­nen erklär­ten, dass sie ihren Stress mit Alkohol bewäl­ti­gen. Beinahe die Hälfte der Befrag­ten gab an, auf psy­cho­so­ziale Unter­stüt­zung und Bera­tung ganz zu ver­zich­ten.

© Daniela Prugger

„Leider fehlt in der Ukraine das Bewusst­sein für psy­chi­sche Erkran­kun­gen“, sagt Anton Kolum­bet, der stell­ver­tre­tende Minis­ter für Vete­ra­nen­an­ge­le­gen­hei­ten. „Vielen Ukrai­ner fällt es schwer, um Hilfe zu bitten, mit diesem Tabu zu brechen. Psy­chi­sche Krank­hei­ten werden nicht als echte Krank­hei­ten ver­stan­den.“ Dazu komme, dass sich die meisten The­ra­peu­ten und Ansprech­part­ner in den großen Städten befin­den, nicht in den Dörfern.

Wenn Kolum­bet gefragt wird, was in der Ukraine gut funk­tio­niere für die Vete­ra­nen, sagt er: „Nichts.“ Der 33-jährige hat selbst im Osten gekämpft und ist erst vor einigen Monaten aus dem NGO-Sektor ins Minis­te­rium gewech­selt hat, um die Gesetze und das Sozi­al­sys­tem aus den 90er Jahren zu refor­mie­ren.

Alle Länder, die Sol­da­ten in einen Krieg schi­cken, müssen nach deren Rück­kehr ähn­li­che Schwie­rig­kei­ten bewäl­ti­gen. Für jeman­den, der im Krieg gedient hat, ist es sehr schwie­rig in ein „nor­ma­les“ Leben zurück­zu­keh­ren, plötz­lich wieder Ehe­part­ner oder Eltern­teil zu sein. Der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Andrij Saho­rodnjuk erklärte in einem Inter­view mit der Autorin sogar, dass unver­letzte Sol­da­ten 24 Stunden nach ihrer Ent­las­sung wieder arbei­ten gehen müssen. Doch gerade im Umgang mit Vete­ra­nen könne man viel von anderen Ländern lernen, sagt Niland. Life­line Ukraine hat ihre Kon­zep­tion an der gleich­na­mi­gen Hotline in Aus­tra­lien ori­en­tiert. „Man muss das Rad nicht neu erfin­den“, sagt Niland.

Portrait von Daniela Prugger

Daniela Prugger arbei­tet als freie Kor­re­spon­den­tin in der Ukraine.

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