Inter­na­tio­nale Aus­wir­kun­gen der wie­der­ge­won­ne­nen ukrai­ni­schen Autoke­pha­lie

© home for heroes, Shut­ter­stock

Knapp drei Jahr­zehnte seit der Unab­hän­gig­keit der Ukraine war die Ukrai­nisch-Ortho­do­xen Kirche des Kyjiwer Patri­ar­chats und der Ukrai­ni­schen Autoke­pha­len Ortho­do­xen Kirche geprägt vom Kampf gegen die Domi­nanz der Ukrai­nisch-Ortho­do­xen Kirche des Mos­kauer Patri­ar­chats in der Ukraine. Die Eigen­stän­dig­keit der Ortho­do­xen Kirche der Ukraine hat seit ihrer Grün­dung im Januar 2019 Wellen geschla­gen in der ortho­do­xen Welt und spaltet seitdem die  ver­schie­de­nen ortho­do­xen Länder.  Von Andreas Umland und Khry­styna Karelska

Seit Aus­bruch der so genann­ten „Ukraine-Krise“ im Jahr 2014 wurde die Frage der reli­giö­sen Unab­hän­gig­keit Kyjiws von Moskau für viele Ukrai­ne­rIn­nen immer dring­li­cher. Als Ergeb­nis lang­wie­ri­ger Ver­hand­lun­gen übergab Bar­tho­lo­mais I, Öku­me­ni­scher Patri­arch von Kon­stan­ti­no­pel, im Januar 2019 einer großen Dele­ga­tion aus der Ukraine in Istan­bul einen soge­nann­ten „Tomos“ (wört­lich: kleines Buch). Dieser „Tomos“ gilt als ein offi­zi­el­les Doku­ment der Ortho­do­xen Kirche, die der neu errich­te­ten Ortho­do­xen Kirche der Ukraine (OKU) kano­ni­sche Eigen­stän­dig­keit und damit Unab­hän­gig­keit vom Mos­kauer Patri­ar­chat verlieh.

Der Kon­flikt der ortho­do­xen Kirchen

Bereits vor dem geschichts­träch­ti­gen Schritt Kon­stan­ti­no­pels ver­damm­ten etliche rus­si­sche Wür­den­trä­ger der Rus­sisch-Ortho­do­xen Kirche (ROK), unter ihnen Patri­arch Kirill, die sich ankün­di­gende Autoke­pha­lie der Ukraine mit schril­len Worten: „Das kon­krete poli­ti­sche Ziel wurde unter anderem von bevoll­mäch­tig­ten Ver­tre­tern der Ver­ei­nig­ten Staaten in der Ukraine und Reprä­sen­tan­ten der ukrai­ni­schen Regie­rung selbst for­mu­liert: Es ist nötig, die letzte Ver­bin­dung zwi­schen unseren Völkern [d. h. zwi­schen den Russen und Ukrai­nern] zu trennen – und diese letzte Ver­bin­dung ist die spi­ri­tu­elle. Wir sollten unsere eigenen Schluss­fol­ge­run­gen [in dieser Frage] ziehen, auch aus der Geschichte, nach der [der Westen] über einen langen Zeit­raum, über viele Jahre ver­suchte, uns den Rechts­staat, Men­schen­rechte, Reli­gi­ons­frei­heit und all diese Dinge auf­zu­zwin­gen, die bis vor kurzem als grund­le­gende Werte für die Bildung eines moder­nen Staates und huma­nis­ti­scher Bezie­hun­gen in einer moder­nen Gesell­schaft betrach­tet wurden. Die Ukraine könnte ein Prä­ze­denz­fall und ein Bei­spiel dafür werden, wie einfach man sämt­li­che Gesetze, Regeln [und] sämt­li­che Men­schen­rechte los­wer­den kann, wenn die Mäch­ti­gen der Welt das so wollen.“

Epi­pha­nius, der neue Metro­po­lit der Ortho­do­xen Kirche der Ukraine (OKU), ant­wor­tete auf diese und ähn­li­che rus­si­sche Atta­cken im Zusam­men­hang mit der neuen reli­giö­sen Unab­hän­gig­keit der Ukraine, dass die „Rus­si­sche Ortho­doxe Kirche die letzte Vorhut Wla­di­mir Putins in der Ukraine sei“, und dass das „Erschei­nen der OKU die impe­ria­lis­ti­schen Ziele des Kreml-Chefs unter­mi­niere. Putin ver­liert hier in der Ukraine die Unter­stüt­zung, die ihm zuvor zuteil­wurde; denn hätte er nicht diesen Rück­halt, wäre es nie zum Krieg im Donbas gekom­men. Und deshalb werden wir uns kon­se­quent als ein­heit­li­che Kirche erhal­ten – aner­kannt und kano­nisch in der Ukraine. Und schritt­weise wird Russ­land den Ein­fluss auf die Seelen ortho­do­xer Ukrai­ner ver­lie­ren.“

In der ange­spann­ten Kon­fron­ta­tion zwi­schen Moskau und Kyjiw wurde die Aner­ken­nung der ver­ein­ten Natio­nal­kir­che der Ukraine durch andere Ortho­do­xen Kirchen wichtig für die Legi­ti­mi­tät der neuen OKU in der welt­wei­ten Gemein­schaft ortho­do­xer Chris­ten. 2019 folgte nicht nur das kleine Patri­ar­chat von Alex­an­dria dem Vorbild Kon­stan­ti­no­pels. Wich­ti­ger war, dass im selben Jahr auch die inter­na­tio­nal hoch­an­ge­se­hene Synode der Ortho­do­xen Kirche von Grie­chen­land die kano­ni­sche Unab­hän­gig­keit der OKU aner­kannte, weit ver­brei­te­ten pro-rus­si­schen Gefüh­len der poli­ti­schen und intel­lek­tu­el­len Elite Grie­chen­lands zum Trotz. Der frühere grie­chi­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Panos Kam­me­nos bezeich­nete die Ent­schei­dung der Grie­chisch-Ortho­do­xen Kirche als ein Ver­bre­chen und warnte: „Sollte in den nächs­ten Monaten etwas pas­sie­ren, dann trägt die Heilige Synode [der Grie­chisch-Ortho­do­xen Kirche] die allei­nige Ver­ant­wor­tung für das Ende sämt­li­cher Garan­tien von­sei­ten Russ­lands, auf­grund der ille­ga­len Kirche der Ukraine.“

Reak­tio­nen aus der ortho­do­xen Welt

Im Gegen­satz zur Synode Grie­chen­lands bezog die Ser­bisch-Ortho­doxe Kirche, ein enger Ver­bün­de­ter der ROK, klar Stel­lung gegen die Ukraine, in dem sie die OKU nicht aner­kannte. Sie folgt der Linie Moskaus und ver­lau­tete, dass „die Kyjiwer Metro­po­lie nicht aktuell mit der der­zei­ti­gen Ukraine gleich­zu­set­zen ist, die sich seit 1686 unter der Juris­dik­tion des Mos­kauer Patri­ar­chats befin­det.“

Die Ereig­nisse in der Ukraine erlang­ten auf dem west­li­chen Balkan zusätz­li­che Reso­nanz im Zusam­men­hang damit, dass Mon­te­ne­gro – das jüngste NATO-Mit­glied – eine umstrit­tene Vorlage für ein Reli­gi­ons­ge­setz dis­ku­tiert, welches den Staat ermäch­tigt, den Besitz der Ser­bisch-Ortho­do­xen Kirche in Mon­te­ne­gro zu kon­fis­zie­ren. Letz­tere hat, als Reak­tion darauf, Kyjiw für diese Ent­wick­lung mit­ver­ant­wort­lich gemacht: “Es scheint, dass die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen in der Ukraine, wo die bis­he­ri­gen Macht­ha­ber und das Patri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel eine Spal­tung lega­li­siert haben, derzeit in Mon­te­ne­gro wie­der­holt werden. Schis­ma­ti­ker sollten Buße tun und eine Aus­söh­nung mit der Ser­bisch-Ortho­do­xen Kirche her­bei­füh­ren.“

In Reak­tion auf die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen in der Ukraine, Grie­chen­land und dem ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wien kün­digte der Mos­kauer Patri­arch Kirill an, dass „jetzt neue Arbeit getan wird, um die kano­ni­sche Rein­heit der Ortho­do­xie zu stärken und noch größere Anstren­gun­gen unter­nom­men werden, um die Einheit dort wie­der­her­zu­stel­len, wo sie erschüt­tert wurde.“ Der Metro­po­lit der OKU, Epi­pha­nius in Kyjiw, pro­gnos­ti­zierte 2019 im Gegen­satz dazu, dass in der nächs­ten Zukunft „min­des­tens drei oder vier weitere Kirchen unsere Autoke­pha­lie aner­ken­nen werden.“ (ibid.) Und tat­säch­lich kün­digte im Februar 2020 etwa die Rumä­nisch-Ortho­doxe Kirche an, eine offi­zi­elle Aner­ken­nung der neuen OKU zu erwägen.

Aus­lö­sung eines Domino-Effekts?

Die Reli­gion ist nicht nur ein wich­ti­ger Faktor im aktu­el­len Kon­flikt zwi­schen Russ­land und der Ukraine. Der rus­sisch-ukrai­ni­sche Streit wird auch wei­ter­hin die welt­weite Ortho­do­xie spalten, solange Moskau die Autoke­pha­lie der Ukraine nicht aner­kennt. Die Ent­ste­hung der OKU und ihre wach­sende Aner­ken­nung durch andere ortho­doxe Natio­nal­kir­chen dürfte die Kir­chen­land­schaft der post­so­wje­ti­schen Region und der christ­lich-ortho­do­xen Welt ins­ge­samt grund­le­gend ver­än­dern, wie die Unter­stüt­zung der OKU durch die großen Metro­po­lien Grie­chen­lands oder Rumä­ni­ens und erste Reak­tio­nen darauf andeu­ten.

Die Erlan­gung der Autoke­pha­lie der OKU Anfang 2019 könnte darüber hinaus einen Domino-Effekt in Ost­eu­ropa und anderswo aus­lö­sen. Weitere regio­nale Kirchen, womög­lich gar solche, die sich derzeit unter der Juris­dik­tion des Mos­kauer Patri­ar­chats befin­den, könnten die OKU aner­ken­nen, ja, dem ukrai­ni­schen Bei­spiel folgen. Dies wie­derum würde die neo­im­pe­ria­len Ten­den­zen Moskaus im post­so­wje­ti­schen Raum dämpfen.

Dieser Artikel wurde zusam­men von Andreas Umland und Khry­styna Karelska ver­fasst und er ist ein Ergeb­nis eines Pro­jek­tes im Rahmen des Zen­trums für Demo­kra­tie­stu­dien 2018–2019 der Deutsch-Pol­nisch-Ukrai­ni­schen Gesell­schaft Berlin und des Euro­pä­isch-Ukrai­ni­schen Jugend­po­li­tik­zen­trums Kyjiw und wurde geför­dert vom Aus­wär­ti­gen Amt der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. #Civil­So­cie­ty­Coope­ra­tion. Andreas Umlands Arbeit wurde unter­stützt durch „Accom­mo­da­tion of Regio­nal Diver­sity in Ukraine (ARDU)“ – ein For­schungs­pro­jekt, das vom Nor­we­gi­schen For­schungs­rat (NORRUSS Plus Pro­gramme) geför­dert wird.  Siehe blogg.hioa.no/ardu/category/about-the-project/.

Portrait von Khrystyna Karelska

Khry­styna Karelska ist Absol­ven­tin des College of Europe in Natolin und des Zen­trums für Demo­kra­tie­stu­dien in Kyjiw

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