COVID-19 in den besetz­ten Gebie­ten

COVID-19 in den besetzten Gebieten der Ukraine
Sim­fero­pol im COVID-19 Lock­down am 6. April, © Sergei Mal­gavko

Zwei Mil­lio­nen Men­schen leben auf der von Russ­land annek­tier­ten ukrai­ni­schen Halb­in­sel Krim- weitere 3,5 Mil­lio­nen in den besetz­ten Teilen des Donbas. Die über­wie­gend alten Men­schen sind beson­ders von COVID-19 bedroht. Wie nehmen die Men­schen dort die Bedro­hung wahr? Von Natalja Humen­juk

Am 14. März hat Kyjiw die Grenz­über­gänge an der fak­ti­schen Grenze zur Krim geschlos­sen. Die soge­nann­ten „Volks­re­pu­bli­ken“ LNR und DNR haben die Ein­reise aus dem von der Ukraine kon­trol­lier­ten Gebiet ver­bo­ten, um die Ver­brei­tung von COVID-19 zu stoppen bzw. zu ver­lang­sa­men. Und ab dem 22. März hat nun die Ukraine die soge­nannte Kon­takt­li­nie (Front) zum Donbas dicht­ge­macht. Diese kann ab sofort nur in Aus­nah­me­fäl­len wie Krank­heit oder Tod pas­siert werden. Noch etwas früher, am 16. März, hat Russ­land seine Grenzen für Aus­län­der geschlos­sen, ein­schließ­lich der nicht von der Ukraine kon­trol­lier­ten Grenze zwi­schen den soge­nann­ten „Volks­re­pu­bli­ken“ und Russ­land. Am 23. März wurde jedoch eine Aus­nahme ein­ge­führt – für die­je­ni­gen Per­so­nen, die in den selbst­er­nann­ten DNR und LNR gemel­det sind.

Am 17. März hat die Ukraine ihre Grenzen im Wesent­li­chen geschlos­sen, seit diesem Tag gelten im Land auch die Qua­ran­tä­ne­maß­nah­men, die seit dem stück­weise ver­schärft wurden. Wla­di­mir Putin dagegen ver­kün­dete erst am 25. März, dass die Ein­woh­ner Russ­lands nicht mehr zur Arbeit gehen werden. Unter diesen Bedin­gun­gen können die Ein­woh­ner in den besetz­ten Gebie­ten – von der Krim bis zum Donbas – in eine beson­ders bedroh­li­che Situa­tion geraten.

Die besetz­ten Gebie­ten in Zeiten der COVID-19-Epi­de­mie

Russ­land, das die Krim annek­tiert und Teile des Donbas unter seine Kon­trolle gebracht hat, brüstet sich gerne mit den soge­nann­ten „huma­ni­tä­ren Lie­fe­run­gen“, und auf der Krim wird tat­säch­lich Geld inves­tiert. Aber es gibt keine Garan­tie dafür, dass das Impe­rium in Kri­sen­zei­ten an die Peri­phe­rie denkt, anstatt zuerst mal die Haupt­stadt zu retten? Wird es in diesen iso­lier­ten Gebie­ten der Ukraine genug Tests geben, wenn diese sogar in den reichs­ten west­li­chen Ländern fehlen? Ukrai­ni­sche Medi­zi­ner haben dort keinen Zugang und die Initia­ti­ven und Maß­nah­men der ukrai­ni­schen Regie­rung errei­chen diese Region nicht. Im Zuge des Krieges reisten die jungen Men­schen aus den besetz­ten Gebie­ten von Donezk und Luhansk ver­stärkt aus, folg­lich gibt es dort vor allem Rentner und ältere Men­schen, die bekannt­lich eine beson­dere Risi­ko­gruppe für den COVID-19 Virus dar­stel­len. 140 Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen haben sich sowohl an Moskau als auch an die Länder welt­weit gewandt, mit der Bitte zu handeln, sich um die Gefan­ge­nen in den Gefäng­nis­sen der Krim, der soge­nann­ten LNR und DNR und der Rus­si­schen Föde­ra­tion zu kümmern. Denn es ist abzu­se­hen, dass die Ver­wal­tun­gen dieser Gebiete der schwie­ri­gen Situa­tion einer Pan­de­mie nicht gewach­sen ist.

Hinzu kommt, dass die meisten Men­schen in den besetz­ten Gebie­ten ihre Infor­ma­tio­nen aus rus­si­schen Medien bezie­hen, wenn auch viele ihnen grund­sätz­lich miss­trauen. Manch­mal schreibt man dort von bestä­tig­ten Fällen, dann wieder wird es demen­tiert. Die Tele­gram-Kanäle von „DNR“ und „LNR“ behaup­te­ten bis vor Kurzem, dass es dort keine Infi­zier­ten gebe. Wäh­rend­des­sen wurden auf der Krim 26 Fälle von COVID-19 gemel­det (Stand 9. April).

Ich habe die Bewoh­ner der besetz­ten Gebiete im Osten der Ukraine und auf der Krim in den letzten drei Wochen gefragt, wie sich ihr Leben seit Beginn der Pan­de­mie ver­än­dert hat. Auch wenn sich die Situa­tion in Zeiten von COVID-19 fast täglich ver­än­dern, wollte ich wissen, was funk­tio­niert und was nicht, ob es Tests gibt und welche Fragen und Pro­bleme für sie am dring­lichs­ten sind. Die Ant­wor­ten waren in vie­ler­lei Hin­sicht ähnlich, obwohl die befrag­ten Per­so­nen unter­ein­an­der nicht bekannt sind.

COVID-19 in den besetz­ten Gebie­ten der Region Luhansk

Mit­ar­bei­te­rin eines Betrie­bes, Alt­schewsk, Gebiet Luhansk

„Es gab ein Moment, wo Men­schen ange­fan­gen haben, massiv Lebens­mit­tel und Haus­halts­wa­ren zu kaufen, aber das war vor allem darum, weil es Gerüchte gab, dass die Waren nicht mehr gelie­fert werden. Das wurde wider­legt. Im All­ge­mei­nen glaube ich, dass es in der Repu­blik an nichts mangelt. Große Betriebe wie das Metall­ur­gie­kom­bi­nat von Alt­schewsk erbrin­gen volle Leis­tung, man spricht nicht von Qua­ran­täne. Die Mit­ar­bei­ter bekom­men, sagen wir mal, Seife und Ähn­li­ches, jeder wurde benach­rich­tigt, dass man sich bei Sym­pto­men umge­hend an eine medi­zi­ni­sche Ein­rich­tung zu wenden hat. Die öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel fahren wie immer, Restau­rants und Cafés haben offen. Kinder gehen zur Schule, die Eltern dürfen sie aber auch zu Hause behal­ten. Apo­the­ken arbei­ten wie immer. Manche Men­schen tragen Masken, an die kommt man aber kaum heran. Die Spe­ku­lan­ten haben die zusam­men­ge­kauft und ver­kau­fen sie nun zum hohen Preis von 50 Rubel (unge­fähr 2 Euro), dabei muss man ja die Maske jede halbe Stunde wech­seln!

Viele Rentner machen sich Sorgen wegen der Qua­ran­täne in der Ukraine, und dass man des­we­gen nicht dorthin reisen kann. Natür­lich sind die Men­schen wegen der Krank­heit beun­ru­higt. 2014 dachten wir ja auch, dass das, was in Kyjiw pas­siert, weit weg ist und uns nicht betrifft. Und dann fanden wir uns im Mit­tel­punkt des Gesche­hens. So ist es nun auch mit diesem Virus. Es begann so weit weg, und nun wächst die Zahl der Infi­zier­ten. Des­we­gen befol­gen die Men­schen schon die Emp­feh­lun­gen der Medien – das ist vor allem das Hän­de­wa­schen. Im All­ge­mei­nen inter­es­sie­ren sich Men­schen für jeg­li­che Infor­ma­tio­nen, wie man sich vor einer Infek­tion schüt­zen kann. Wir wün­schen uns, dass es in den Apo­the­ken die Mittel zu einem nor­ma­len Preis geben würde, es ist keine Zeit für Geschäf­te­ma­che­rei. Und es wäre schön, wenn unsere Kran­ken­häu­ser in der Repu­blik Tests hätten.“

Metall­ar­bei­ter, Alt­schewsk (Gebiet Luhansk)

“Es gibt den Erlass des ‚LNR‘ über eine ‚erhöhte Bereit­schaft‘. Man sagt uns, es gibt keine Fälle, doch die Men­schen sagen, es gibt ja auch keine Tests. All­ge­mein sieht man das Ganze gelas­sen – man glaubt, die Geschichte wird hoch­ge­spielt. Es gab ja schon die Schwei­ne­grippe, Ebola und Ähn­li­ches.”

Betriebs­wirt, Alt­schewsk (Gebiet Luhansk)

“Es gibt in der LNR keine Qua­ran­täne wegen Coro­na­vi­rus. Habe von keinen Ein­schrän­kun­gen gehört. Der Jahr­markt vor der Stadt­ver­wal­tung wird nicht mehr durch­ge­führt, in manchen Betrie­ben gingen Briefe mit den emp­foh­le­nen Sicher­heits­maß­nah­men herum: Man emp­fiehlt, Ther­mo­me­ter zu kaufen, die aus der Distanz Fieber messen können, und Masken. In manchen Schulen gibt es mehr Grip­pe­fälle, ab dem 23. März sind die regu­lä­ren Ferien. Das Kino in Alt­schewsk wurde geschlos­sen, wurde aber auch so kaum noch besucht. Es gibt Gerüchte, dass der Markt geschlos­sen wird, die sind noch nicht bestä­tigt. Die ‚offi­zi­el­len Quellen‘ behaup­ten, dass es in den ‚LDNR‘ alles Nötige gibt, um COVID-19 zu dia­gnos­ti­zie­ren, alle würden getes­tet und es bis jetzt keinen Virus gebe. In der Schule, die mein Kind besucht, wurde auch irgend­et­was über­prüft und angeb­lich wäre alles in Ordnung. Es gibt die Stan­dard­rat­schläge: Hände waschen, Men­schen­mas­sen meiden. Die älteren Men­schen beneh­men sich unter­schied­lich: Die einen kaufen ver­stärkt Mehl und Buch­wei­zen, die anderen klagen, dass genau das zu Defi­zi­ten führt. Von Hilfe aus Russ­land haben wir nichts gehört, außer dass man wieder dorthin ein­rei­sen darf. Man fürch­tet aber, dass die Gast­ar­bei­ter, die aus Moskau zurück­keh­ren, den Virus in die Stadt bringen werden.

Als man gehört hat, dass wir sozu­sa­gen ‚blo­ckiert‘ sind, hat man sich ja zunächst gefreut. All­ge­mein ist die Stim­mung etwas gereizt, wenn die Rede auf das Coro­na­vi­rus kommt. Die Infor­ma­tio­nen aus der Ukraine fehlen sehr, zum Thema Grenz­über­gang, Aus­zah­lung von Renten, was mit den­je­ni­gen pas­siert, die bestimmte Fragen haben, zum Bei­spiel die Erneue­rung der Pässe. Das beun­ru­higt die Men­schen wirk­lich.”

Haus­frau, Luhansk

“Ständig werden Infor­ma­tio­nen ver­brei­tet, dass die­je­ni­gen, die älter als 65 Jahre sind, in Gefahr sind. Die meisten Bekann­ten, die 60 oder 70 sind, hören genau zu und bleiben zu Hause. Man sagt uns, es gebe Tests, die wurden von Russ­land im Rahmen der Donbas-Hilfe bereit­ge­stellt. Die Men­schen machten sich große Sorgen, dass die Grenze zu ist, aber nun ist alles wieder offen – meine Nach­barn sind aus Russ­land zurück­ge­kehrt. Aber es gibt keine Panik, genauso wie keine Erkran­kun­gen. In den Geschäf­ten von Luhansk ist alles wie immer, weder ich noch meine Freunde kaufen irgend­et­was auf Vorrat. Die Panik wird eher vom Fern­se­hen ver­brei­tet, aber ich schaue nicht zu, ich lese die Publics in den sozia­len Medien.”

COVID-19 in den besetz­ten Gebie­ten der Region Donezk

Rent­ne­rin, Donezk

„Trans­port­fir­men, die die Men­schen über Grenz­über­gänge in die Ukraine und zurück fahren, haben ihre Ein­nah­men ver­lo­ren. Man sollte schon vor­sich­ti­ger sein, es ist aber kein Ende der Welt. Wir ältere Men­schen wissen, dass, falls wir Geld von unseren Kindern bekom­men, wir jeden Arzt rufen können und eine Probe auch zu Hause abgeben. Die­je­ni­gen, die kein Geld haben, sind ver­lo­ren.“

Sozi­al­ar­bei­te­rin, Donezk

“Laut ‚offi­zi­el­len Quellen’ gibt es keine Corona-Fälle. Ab dem 16. März hat Russ­land die Ein­reise von unserer Seite begrenzt (aus­ge­nom­men waren die Bürger der Rus­si­schen För­de­ra­tion), dann haben alle ange­fan­gen sich um Waren­lie­fe­run­gen, Arz­nei­mit­tel und Ben­zin­lie­fe­run­gen zu sorgen. Doch diese Begren­zung wurde nun abge­schafft. Es gab den Erlass über eine ‚erhöhte Bereit­schaft‘. Das betraf vor allem Kran­ken­häu­ser – zum Bei­spiel konnte man eine Krank­schrei­bung bekom­men, ohne dafür in die Poli­kli­nik zu müssen.

Im All­ge­mei­nen habe ich den Ein­druck, dass die Men­schen nicht so richtig an eine Pan­de­mie glauben, die Skep­ti­ker sagen, es sei alles Pro­pa­ganda. Ich per­sön­lich nähe umsonst Masken für meine Bekann­ten. Vielen machen sich darüber lustig, sie denken, es sei naiv. Aber es gibt auch andere Mei­nun­gen. Ein Teil der Men­schen hält sich schon an die Sicher­heits­maß­nah­men. Letzte Woche, wo alles noch funk­tio­nierte, hat man bei manchen Ver­an­stal­tun­gen ange­bo­ten, sich die Hände zu des­in­fi­zie­ren, man­cher­orts wurden Masken ver­teilt. Darüber, ob wir Tests bekom­men, gibt es nur Schwei­gen, außer es gibt ein Gerücht, dass aus Russ­land 300 Stück gekom­men sind.“

Arzt, Donezk

“Kin­der­gär­ten sind offen. Die Bewoh­ner reagie­ren nicht. Eine Freun­din von mir hilft trotz­dem, Lebens­mit­tel an die Risi­ko­grup­pen aus­zu­fah­ren. Sie glaubt dennoch, dass nachdem, was die Men­schen hier erlebt haben, der Coro­na­vi­rus nicht die schlimmste Bedro­hung ist. Wenn man in die Chats und Foren schaut, so lese ich dort zum Bei­spiel, dass man bespricht, wo man in Abcha­sien am schöns­ten Urlaub machen kann.”

Haus­frau, Donezk

„In den Apo­the­ken mangelt es an nichts, die Men­schen tragen aber draußen keine Masken. Ich habe nur einen jungen Mann im Bus mit einem Respi­ra­tor (Atem­schutz­ge­rät) gesehen – der war so riesig, dass man nur anhand der Klei­dung sehen konnte, dass das ein ganz junger Mensch war. Mein Mann arbei­tet auf dem Markt, er sagt, dort gibt es nur ver­ein­zelt Per­so­nen, die Masken tragen, die werden zurzeit noch belä­chelt. Man infor­miert uns nicht über die Dia­gnos­tik, habe nichts vom Testen auf Coro­na­vi­rus gehört. Es gibt aber eine Hotline, die man anrufen sollte, wenn man Sym­ptome ent­wi­ckelt.

Die Rentner machen sich am meisten Sorgen, wie meine Mutter zum Bei­spiel, die momen­tan nicht weiß, wie sie ihre ukrai­ni­sche Rente bezie­hen kann. Ihre Karte ist zudem abge­lau­fen, man munkelt, dass man bis zum Sommer auch gar nicht dorthin fahren darf. Die älteren Men­schen wissen sehr wohl, dass sie zu Risi­ko­gruppe gehören, deshalb haben sie sich frei­wil­lig iso­liert. Zumin­dest unsere Bekann­ten. Sie haben noch letzte Woche alles ein­ge­kauft, sich zu Hause ein­ge­schlos­sen und bitten darum, dass man ihnen das Nötigste vor­bei­bringt.

Ich weiß von meinen Bekann­ten, dass die Betriebe funk­tio­nie­ren, die Theater, Kinos und die Phil­har­mo­nie dagegen nicht.“

COVID-19 in der auto­no­men Repu­blik Krim

Haus­frau, Jalta

„Die öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel sind über­füllt, es wird auch nicht des­in­fi­ziert. Eine Flei­sche­rei an der Ufer­pro­me­nade ist voller Men­schen. Geschäfte mit Beklei­dung sind offen, eben­falls der Basar. Erst heute habe ich auf der Straße einige Men­schen mit Masken gesehen. In einigen Super­märk­ten trugen die Kas­sen­mit­ar­bei­ter Masken, bei einer Kas­sie­re­rin habe ich eine Flasche Des­in­fek­ti­ons­mit­tel stehen sehen.

Im All­ge­mei­nen sehen wir eine für Russ­land übliche Taktik des Schwei­gens. Wenn man über etwas nicht spricht, dann gibt es das auch nicht. Aks­jo­now (der vom Kreml ein­ge­setzte Leiter der Besat­zungs­ad­mi­nis­tra­tion – Anm. der Redak­tion) hat für die Ver­brei­tung von fal­schen Infor­ma­tio­nen harte Strafen ange­droht. Ich glaube aber, solange es nicht ganz schlimm wird, pas­siert gar nichts. Und was das Testen angeht, so hat man schon der lokalen ‚Regie­rung‘ dazu Fragen gestellt. Ant­wor­ten gab es keine. Habe auch nichts von irgend­wel­chen Tests gehört. Es gibt noch keine Ver­spre­chen. Im Inter­net schrei­ben die ‚lokalen Behör­den’ von 656 Beatmungs­ge­rä­ten, die auf der Krim ver­füg­bar sind. Aber, noch mal gesagt, ich glaube ihnen nicht.

Ich lasse meinen Sohn seit zwei Wochen nicht mehr zur Schule gehen, auf eigene Ver­ant­wor­tung. Habe aktiv gehan­delt, bin den Ver­ant­wort­li­chen für die Bildung auf die Nerven gegan­gen, und erst diese Woche hat man in den Schulen eine Qua­ran­täne bis zum 12. April ein­ge­führt.“

Eine Phi­lo­lo­gin, Sim­fero­pol

„Die Situa­tion ist zwei­deu­tig: Einer­seits sind die Uni­ver­si­tä­ten auf Fern­stu­dium umge­stellt worden, ande­rer­seits weigert man sich, dies als Qua­ran­täne zu bezeich­nen. Die Schulen sind in die Ferien ent­las­sen worden, man sagt jedoch nicht, das sei eine Qua­ran­täne. Die Sport­ver­an­stal­tun­gen und Wett­kämpfe sind alle abge­sagt, jedoch ohne Erklä­rung. Ich gebe Schü­lern Nach­hilfe, bereite sie auf die Abitur­prü­fun­gen vor. Habe auch vor­ge­schla­gen, ab jetzt Unter­richt per Skype zu machen, aber, außer einem Vater, haben alle abge­lehnt, wollen zu mir kommen. Die Läden sind offen. Die Masken aber sind längst ver­schwun­den, genauso wie zum Bei­spiel Par­acet­amol. Den Men­schen mit Sym­pto­men ist der freie Zugang zu den Kran­ken­häu­sern unter­sagt, damit sie den Virus nicht weiter ver­brei­ten.

Unsere Ver­wand­ten sind vor zehn Tagen aus einem euro­päi­schen Land zurück­ge­kom­men. Bei der Ein­reise vom ukrai­ni­schen Fest­land über einen rus­si­schen Grenz­über­gang mussten sie einen Fra­ge­bo­gen aus­fül­len, mit ihrer Adresse, Kon­takt­per­so­nen usw. Letzte Woche kam ein Arzt zu ihnen nach Hause, hat Abstri­che aus dem Rachen und aus der Nase genom­men. Er kam ohne Maske, ohne Hand­schuhe und hat gesagt, dieser Virus sei doch alles Panik­ma­che. Die Ergeb­nisse sollten schon langsam kommen, wir warten noch. Diese Ver­wand­ten haben ein Papier über ihre Selbst­iso­la­tion unter­schrie­ben. Die meisten Ein­woh­ner der Krim haben, glaube ich, so eine Stim­mung, als ob das keine reale Bedro­hung wäre, sondern ein Mythos. Am Wochen­ende waren wir in Aluschta – es war ja so warm, wurde erst vor kurzem kühler – der Strand war voll wie immer.“

Rent­ne­rin, Bacht­schis­sa­raj

„Es gibt schon eine unru­hige Stim­mung, Regale werden leer gekauft und die Preise sind etwas gestie­gen. Gestern gab es in den Apo­the­ken eine kleine Lie­fe­rung von Masken und Des­in­fek­tion. Letzte Woche hat man an die Ärzte Gaze ver­teilt, um daraus Masken zu nähen. Wir helfen uns gegen­sei­tig. Mein Enkel hatte plötz­lich Fieber, ich bin in Panik geraten – meine Nach­ba­rin kam sofort und hat alles an Medi­ka­men­ten mit­ge­bracht, was sie hatte. In unserer krim­ta­ta­ri­schen Gemeinde spricht man aber eher über die poli­ti­sche Situa­tion in der Ukraine, und danach erst vom Coro­na­vi­rus.“

Leh­re­rin, Dschankoj

„In Dschankoj gibt es, wie auch sonst auf der Halb­in­sel, kein Verbot der kom­mer­zi­el­len Tätig­keit, deshalb ist auch alles offen. Masken werden aber nicht getra­gen, auch des­we­gen, weil es keine gibt. Es gab eine Erklä­rung von der ‚Lei­te­rin der inter­re­gio­na­len Ver­wal­tung der rus­si­schen Ver­brau­cher­zen­trale‘, dass es keine Defi­zite gibt im Hin­blick auf die Tests, es gebe angeb­lich 5000 davon, und die würden täglich nach­ge­lie­fert. Das kann ich weder bestä­ti­gen noch wider­le­gen. Niemand aus meiner Ver­wandt­schaft oder dem Bekann­ten­kreis hat sich an die Ärzte gewandt, um getes­tet zu werden. Wir ver­su­chen seit zwei Wochen, zu Hause zu bleiben. Ich spüre keine Panik bei den Men­schen, im Gegen­teil, sie schei­nen es nicht ernst zu nehmen. Man feiert aus Gewohn­heit immer noch Hoch­zei­ten, Betriebs­fei­ern und Ähn­li­ches. Am 20. März wurde in Dschankoj ein neuer Kin­der­gar­ten eröff­net und ein neues Gerichts­ge­bäude, dafür kam eine offi­zi­elle Dele­ga­tion aus Sim­fero­pol.“

Einige Kom­men­tare stammen aus den Quellen des ukrai­ni­schen öffent­lich-recht­li­chen Nach­rich­ten­por­tals suspilne.media.

Portrait von Nataliya Gumenyuk

Nata­liya Gume­nyuk ist eine ukrai­ni­sche Jour­na­lis­tin. Sie ist Mit­be­grün­de­rin und Lei­te­rin von Hromadske.TV.

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