„Der Dnipro stöhnt und brüllt“: Kri­mi­nelle Machen­schaf­ten

© RONEDYA /​ Shut­ter­stock

Der Dnipro gilt als Natur­wun­der, als Seele und Arterie der Ukraine. Durch ille­gale Indus­trie­ab­fälle und Müll­ent­sor­gung wird er jedoch ver­schmutzt, durch falsche Bewirt­schaf­tung droht seine Ver­fla­chung. Wie leben die Men­schen mit den öko­lo­gi­schen Pro­ble­men?

Im zweiten Teil trifft unser Autor  Chris­toph Brumme auf Dnipro’s Zivil­ge­sell­schaft in Form der NGO Save Dnipro. 

TEIL 1: Das ‚Atten­tat‘ auf den Bür­ger­meis­ter von Dnipro
TEIL 2: Kri­mi­nelle Machen­schaf­ten
TEIL 3: Die stin­kende Stadt

Nach dem Mit­tag­essen sind wir vor dem Kauf­haus „Europa“ mit dem Umwelt-Akti­vis­ten Ilja Rybakow von der NGO „Save Dnipro“ ver­ab­re­det. Ilja wurde 1980 in Dnipro geboren, hier hat er die Schule besucht und Che­mie­tech­nik an der Uni­ver­si­tät stu­diert, mit der Spe­zia­li­sie­rung Rake­ten­tech­nik.

Er hat keine gute Meinung vom Bür­ger­meis­ter Borys Filatow. Trotz großer Ver­spre­chen habe es in dessen Amts­zeit nur kos­me­ti­sche Ver­än­de­run­gen in der Stadt gegeben.

Die uns vom Bür­ger­meis­ter emp­foh­lene Koro­lenka-Straße sei ein Denkmal der Kor­rup­tion.

Dort habe man die Bäume gefällt, die Schat­ten ent­fernt, damit die Men­schen in die Restau­rants und Cafés gehen und kon­su­mie­ren. Und man habe dort die Kana­li­sa­tion „ver­ges­sen“, also Gelder ver­un­treut. Er zeigt ein Video von der bei Regen über­flu­te­ten Straße. Borys Filatow hat auf den Vorwurf bereits öffent­lich geant­wor­tet und den in Dnipro behei­ma­te­ten berühmt-berüch­tig­ten Olig­ar­chen Ihor Kolo­mo­js­kyj beschul­digt, für die schlech­ten Repa­ra­tu­ren und feh­lende Abwas­ser­ka­näle in der Straße ver­ant­wort­lich zu sein. Er fürchte weder die Akti­vis­ten noch den Olig­ar­chen, hatte der Bür­ger­meis­ter erklärt.

Am letzten Wochen­ende, am Tag der Ver­fas­sung [28. Juni], demons­trier­ten etliche empörte Bürger gegen ihn. Die Slogans wären wohl in vielen ukrai­ni­schen Städten berech­tigt, auch wenn sie das Problem ver­harm­lo­sen. „Die Bewoh­ner von Dnipro sind Bürger, keine Sklaven! Die Ver­fas­sung über alles! Bür­ger­meis­ter Filatow ist der Kopf der Kor­rup­tion in Dnipro! Dnipro ist gegen Kor­rup­tion! Dnipro ohne Filatow! Zum Tag der Ver­fas­sung, Ein­woh­ner von Dnipro!“

300 Autos bezie­hungs­weise deren Insas­sen nehmen an dem Protest teil. Dnipro hat mitt­ler­weile etwa 1,3 Mil­lio­nen Ein­woh­ner. In den letzten Jahren sind viele Geflüch­tete aus den nur 200 Kilo­me­ter ent­fern­ten, quasi von Russ­land besetz­ten Gebie­ten im Donbas hierher über­ge­sie­delt. Ilja Rybakow schätzt die Zahl poli­tisch aktiver Bürger in der Stadt auf 1000. In seiner NGO Save Dnipro sind etwa 15 Men­schen aktiv, es soll die aktivste Umwelt­schutz­or­ga­ni­sa­tion sein.

„Wir denken darüber nach, was wir essen und trinken, aber inter­es­sie­ren uns nicht dafür, welche Luft wir ein­at­men“, erklärt Ilja die Moti­va­tion für sein Enga­ge­ment. „Dass 70 Prozent der Todes­fälle von schlech­ter Luft kommen, darüber küm­merte sich niemand, außer Spe­zia­lis­ten und Medi­zi­nern.“

Die Schul­di­gen sind all­ge­mein bekannt

Ilja Rybakow zeigt über den Fluss. „Hier haben wir eine Reihe von Maschi­nen­bau­pro­duk­tio­nen, metall­ur­gi­schen Anlagen und Koks­pro­duk­tio­nen, eine ganze Reihe von Unter­neh­men, die den Fluss Dnipro ver­schmut­zen. Im letzten Jahr haben wir unter­sucht, warum es ein sehr spe­zi­fi­sches Schema für die Abfall­be­wirt­schaf­tung gibt. Die Eigen­tü­mer müssen für die Ent­sor­gung ihrer eigenen Abfälle bezah­len. Wir began­nen zu ver­ste­hen – warum so ein spe­zi­fi­sches Schema?

Wir haben zwar den ursprüng­li­chen Autor gefun­den, sondern den aktu­el­len Betrei­ber dieser Behand­lungs­ein­rich­tun­gen. Und wie sich her­aus­stellte, ist das Unter­neh­men de jure mit dem Haupt­um­welt­in­spek­tor der Region Dni­pro­pe­trowsk, Dmitry Shibko, ver­bun­den. Jetzt soll er ent­fernt werden, und es laufen Gerichts­ver­fah­ren gegen ihn. Dmitry Shibko ist ein Ver­tre­ter eines ziem­lich großen Clans der kri­mi­nel­len Gesell­schaft. Seine Gönner haben keine Angst davor, auf legale und ille­gale Metho­den zurück­zu­grei­fen um Ein­fluss aus­zu­üben, und er hielt mehr als 11 Jahre in seiner Posi­tion durch. Unter Janu­ko­wytsch kam er an die Macht, er über­stand dessen Flucht, kon­trol­lierte auch unter Poro­schenko. Erst mit Selen­skyjs Ankunft ver­su­chen sie, ihn zu ent­fer­nen, und es ist nicht sicher, dass sie ihn voll­stän­dig los­wer­den können, weil die derzeit han­delnde Person seine rechte Hand ist – das heißt, er hat de jure die Kon­trolle ver­lo­ren, behält aber de facto immer noch seinen Ein­fluss auf die Umwelt im Gebiet der Region, trotz eines klaren Inter­es­sen­kon­flikts.“

Wir kennen uns kaum fünf Minuten, aber Ilja nennt schon „Ross und Reiter“. Ist das nicht gefähr­lich? Was ris­kiert man in Dnipro, wenn man gegen die Mäch­ti­gen kämpft?

„Wir ver­ste­hen objek­tiv das Niveau der Bedro­hun­gen. Wir haben Angst. Aber ich möchte in meinem Land leben, und mein Kind soll hier leben. Erst seit 2014 habe ich von Aus­wan­de­rung geträumt. Ich wollte ein Ver­mächt­nis hin­ter­las­sen – nütz­li­che Arbeit, mehr als nur Geschäft.“

Er ist Mit­glied der Per­so­nal­kom­mis­sion bei der Haupt­ab­tei­lung der Natio­na­len Polizei der Dnipro-Region und kom­mu­ni­ziere viel mit Ver­tre­tern der Polizei. „Wir haben auch Ermitt­lun­gen in Bezug auf Shibko gemacht und sogar den Obers­ten Gerichts­hof erreicht und die Ermitt­lun­gen gewon­nen, dass alle Fakten stimmen.“

Auch die Angler auf der Ufer­pro­me­nade haben keine Lust, sich für sau­be­res Wasser oder bessere Luft zu enga­gie­ren. Die Fische beißen noch, wenn auch sel­te­ner als früher, sagt ein Rentner. Vor allem Wels, Zander und Brasse werden gefan­gen. Welse mitten in der Stadt? Womög­lich Ang­ler­la­tein?

Die Men­schen seien müde vom Arbei­ten und hätten keine Zeit sich für die Umwelt zu enga­gie­ren, meint der Mann, der einen Köder auf einen Angel­ha­ken zieht.

Zum Baden sei das Wasser hier nicht geeig­net, lieber an einem anderen Platz, erzählt er.
Ob denn in Deutsch­land die Flüsse sauber seien, will sein Nachbar wissen. Meines Wissens werden sie von Jahr zu Jahr sau­be­rer, ant­worte ich, aber vor 30 Jahren hätten wir ähn­li­che Pro­bleme gehabt, vor allem in Ost­deutsch­land.

Ilja Rybakow erzählt eben­falls, dass es nicht ratsam sei im Dnipro zu baden. Und trinken solle man das Wasser schon gar nicht, ohne Rei­ni­gung wäre das gefähr­lich. Wir sitzen in dem über dem Dnipro „schwe­ben­den“ Restau­rant „Der Schwim­mer“ und haben einen groß­ar­ti­gen Aus­blick auf den Fluss. Ein Gewit­ter zieht auf, der Regen peitscht den Fluss.

© Kate­rina Brumme

„Er stöhnt und brüllt, der breite Dnipro /​ Ein zor­ni­ger Wind heult“, wie es im bekann­tes­ten Lied über den Dnipro heißt, geschrie­ben vom Natio­nal­dich­ter und ‑helden Taras Schewt­schenko.

Ilja erzählt von den Schwie­rig­kei­ten, die Umwelt­pro­bleme zu bekämp­fen und von der aus­ufern­den Büro­kra­tie. „Alle Geneh­mi­gungs­do­ku­mente für große Schad­stoffe haben wir, „Save Dnipro“, in ein System inte­griert, weil wir ver­schie­dene Fälle haben: Luft­ver­schmut­zung ist einer, Was­ser­ver­schmut­zung ist der andere, Lage­rung fester Abfälle ist der dritte, der vierte die Was­ser­pro­duk­tion, Mine­ra­lien sind das fünfte Bei­spiel. All dies ist ver­streut, und es gibt große Umwelt­ver­schmut­zer, die eine Reihe von Doku­men­ten beim Minis­te­rium erhal­ten, und kleine Umwelt­ver­schmut­zer, die in Bezug auf die Umwelt­aus­wir­kun­gen nor­ma­ler­weise noch schlech­ter sind – sie erhal­ten die Geneh­mi­gun­gen auf lokaler Ebene.“
Also sind nicht nur die Großen die Bösen, nicht nur „Kyjiw“ ist schuld, wie der Bür­ger­meis­ter gemeint hatte.

Wich­tige Erfolge

Ilja hat gleich nach der Revo­lu­tion der Würde selbst als Abge­ord­ne­ter kan­di­diert, für eine Partei, die heute schon ver­ges­sen ist. Es sei ihm natür­lich bewusst gewesen, was er damit ris­kierte, denn kaum eine Tätig­keit genießt in der Ukraine so schlech­tes Ansehen wie die des Poli­ti­kers. „Alle sind Diebe und Betrü­ger“, zitiert er den Volks­mund. Dabei bringt er beste Vor­aus­set­zun­gen für die Politik mit, dank seiner Aus­bil­dung und seiner beruf­li­chen Erfah­run­gen, unter anderem im Betriebs­ma­nage­ment. Wie lange er noch als ehren­amt­li­cher Umwelt­ak­ti­vist arbei­ten kann, das ist unge­wiss. Er muss die Familie ernäh­ren, was jetzt knapp möglich ist, aber er wünscht sich mit seiner Frau noch ein Kind.

Ande­rer­seits befrie­digt ihn die Arbeit für den Umwelt­schutz.

Auf die Frage nach den wich­tigs­ten Erfol­gen der NGO berich­tet er vor allem vom neuen System der Luft­mes­sung und der Ver­öf­fent­li­chung der daraus gewon­ne­nen Infor­ma­tion für die Bevöl­ke­rung.

Erst mit diesen Infor­ma­tio­nen können die Behör­den auf­ge­for­dert werden, die Luft­ver­schmut­zer auch steu­er­lich zu belan­gen. Oft zahlen diese nur geringe Steuern oder sie ver­su­chen sich mit Alibi­maß­nah­men „rein­zu­wa­schen“, etwa, indem sie Bäume pflan­zen lassen. Was­ser­ver­schmut­zende Fabri­ken setzen auch gerne Fische im Dnipro aus, damit die Angler sich nicht beschwe­ren.

Eine weitere Tra­gö­die

Meine Frau lernt unter­des­sen auf der Toi­lette die Schwes­ter einer Freun­din des Bür­ger­meis­ters Filatow kennen. Irgend­ein Irrtum bringt beide zum Lachen. Der Spaß ver­bin­det, im nächs­ten Augen­blick sind sie schon befreun­det, und Valen­tyna lädt uns nach Sapo­rischschja ein, wo wir am nächs­ten Tag sowieso hin­fah­ren wollten. Valen­tyna ist Geschäfts­füh­re­rin eines Metall­be­triebs in Sapo­rischschja. Auch sie hat sich einmal wie Ilja als Akti­vis­tin enga­giert, aber inzwi­schen resi­gniert auf­ge­ge­ben. Und das hat auch mit dem Tod ihres Neffen zu tun. Der wurde an der Front erschos­sen, aber sein Tod wurde von den Behör­den als Selbst­mord ein­ge­stuft.

Fort­set­zung folgt im dritten Teil in Sapo­rischschja.

Textende

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

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