„Der Dnipro stöhnt und brüllt“: Das ‚Atten­tat‘ auf den Bür­ger­meis­ter von Dnipro

© rospoint /​ Shut­ter­stock

Der Dnipro gilt als Natur­wun­der, als Seele und Arterie der Ukraine. Durch ille­gale Indus­trie­ab­fälle und Müll­ent­sor­gung wird er jedoch ver­schmutzt, durch falsche Bewirt­schaf­tung droht seine Ver­fla­chung. Wie leben die Men­schen mit den öko­lo­gi­schen Pro­ble­men?

Unser Autor Chris­toph Brumme berich­tet anläss­lich des heu­ti­gen Tag des Dnipro aus Dnipro und seiner Begeg­nung mit dessen Bür­ger­meis­ter, Borys Filatow.

TEIL 1: Das ‚Atten­tat‘ auf den Bür­ger­meis­ter von Dnipro
TEIL 2: Kri­mi­nelle Machen­schaf­ten
TEIL 3: Die stin­kende Stadt

Wir spa­zie­ren in der Stadt Dnipro am Fluss Dnipro auf der längs­ten Ufer­pro­me­nade Europas und staunen immer wieder. Die Pro­me­nade ist wohl etwa 27 Kilo­me­ter lang, viel­leicht auch 30, bestehend aus drei Teilen.1 Wir besu­chen zuerst den Yacht-Club „Sitsch“, dort laufen seltene weiße Nutrias und indi­sche Pfaue über Rasen und Fußwege. Die Balz­rufe eines Pfaus mischen sich mit Ham­mer­schlä­gen von der angren­zen­den Bau­stelle, einem künf­ti­gen Restau­rant auf dem Wasser, auf Pfählen aus Eisen errich­tet.

Ein Eis­ver­käu­fer weist höflich darauf hin, dass man die Pfaue und andere Tiere nur mit Smart­pho­nes foto­gra­fie­ren dürfe. Viel­leicht auf Wunsch der Pfaue? Die Restau­rants sind mit Stroh­dä­chern bedeckt und fügen sich har­mo­nisch in die Land­schaft ein. Auf künst­li­chen Inseln wachsen Edel­tan­nen, das Wasser unter einer Holz­brü­cke ist klar, Möwen und Enten bedie­nen sich aus einem Schwarm silbern glän­zen­der Fische.

Aller­dings fließt das Wasser wegen der vielen Bauten und Auf­schüt­tun­gen nicht überall oder nur langsam, man sieht es am Algen­tep­pich auf der anderen Seite der Brücke.

Die Ver­al­gung des Dnipro und vieler anderer ukrai­ni­scher Flüsse ist eines der bekann­tes­ten öko­lo­gi­schen Pro­bleme.

Bekannt, weil es auch von Laien mit bloßen Augen erkannt werden kann. Das Wasser ist grün und schwappt träge für sich hin, keine Nixe will da aus­stei­gen, keine Men­schen wollen dort baden in kleb­ri­ger Fins­ter­nis. In den Algen können viele Fisch­ar­ten nicht auf reflek­tie­rende Farben reagie­ren, keine Beute fangen, ihre Schön­heit nicht zeigen und keine Partner anlo­cken. Es mangelt an Sauer­stoff, an Aus­tausch.

Statt­des­sen herr­schen „hohe bak­te­rio­lo­gi­sche Viel­falt und fäkale Was­ser­ver­schmut­zung“, bei­spiels­weise durch Kühe oder durch ein­ge­lei­tete Nitrate, Phos­phate, Sulfate, Ammo­niak, Rück­stände von Wasch­mit­teln. Das Wasser stinkt, der Boden ver­schlammt. Dabei sind Algen „der Ursprung unserer Exis­tenz“, ihnen und den Cya­no­bak­te­rien „wird das Ver­dienst zuge­schrie­ben, die giftige Urat­mo­sphäre durch Pho­to­syn­these in eine sauer­stoff­rei­che ver­wan­delt zu haben“.

Die Kata­stro­phe begann mit den Stau­däm­men

Der Dnipro ent­stand vor 6 Mil­lio­nen, so lautet der erste der zwölf inter­es­san­tes­ten Fakten über den Fluss, die von der ukrai­ni­schen Zeitung „Rubryka“ zusam­men­ge­stellt wurden. Ob das stimmt? Ver­bürgt ist, dass schon Herodot über den Fluss geschrie­ben hat, wobei er wohl Fake News ver­brei­tet haben soll mit der Behaup­tung, am unteren Dnipro würden nur Skythen leben. Als gesi­chert gilt heute die Tat­sa­che, dass die dama­lige höchste Klasse aus „Rei­ter­krie­gern“ bestand, lange vor den ukrai­ni­schen Kosaken, wie Reste von Bestat­tun­gen zeigen.

Der Fluss ent­springt in Russ­land, 200 Kilo­me­ter von Moskau ent­fernt, wo er Dnjepr heißt. Somit ist er für Ukrai­ner derzeit viel­leicht das einzig Gute, was aus Russ­land kommt. Unter dem Namen Dnjapro fließt er dann durch Belarus und schließ­lich etwa 1000 Kilo­me­ter durch die Ukraine.

Doch wenn nichts unter­nom­men wird, dann wird der majes­tä­ti­sche, bis zu 18 Kilo­me­ter breite Fluss in 50 Jahren doppelt so flach sein wie heute, pro­phe­zeit „Rubryka“ als wei­te­ren wich­ti­gen Fakt. Demnach besteht die Gefahr, dass die Ukraine dann auf­grund von Was­ser­man­gel von anderen Ländern abhän­gig sein wird.

Seit der Fluss in der Sowjet­union durch sechs Stau­dämme regu­liert wurde, begann die Periode der Ver­schlech­te­rung.

Die Stau­un­gen mindern die Selbst­rei­ni­gungs­kräfte. Der Gesamt­ab­fluss des Dnipro hat sich auf­grund der Was­ser­ent­nah­men stark ver­rin­gert, wodurch die Flach­was­ser­flä­che immer größer wird, um bis zu 1.000 ha pro Jahr allein im Kre­men­chu­cker Stausee, was zu einer mil­lio­nen­fa­chen Zunahme der Blau­al­gen führt.

Die Ufer­pro­me­nade

Wir fahren in den Norden, dort ver­sprüht die haus­hohe Fontäne „Sphäre“, auch „Bäll­chen“ oder „Kügel­chen“ genannt, kühles Wasser auf der Ufer­pro­me­nade. Kinder lassen sich voll­sprit­zen und baden im Becken eines weit­läu­fi­gen Spring­brun­nens, Eltern sehen vom Rand aus besorgt zu. Über den Fluss­arm sind Seile gespannt, an denen hängend ein junger Mann Was­ser­ski fährt. Mehrere Kletter- und Rutsch­bur­gen stehen in Sicht­weite, eine Pyra­mide aus Holz mit Seil­lei­tern und bunte Röhren zum Rut­schen. Keine Spiel­an­lage gleicht der anderen, die Böden dar­un­ter sind aus weichem, buntem Kunst­stoff. Dazwi­schen gepflegte Rasen, sattes Grün. Selbst die Zahl der Bäume ist mit der Zahl der Later­nen abge­stimmt.

Das Atten­tat auf den Bür­ger­meis­ter Filatow

Wir wollen zurück zum Auto, da kommen uns eine Gruppe Men­schen ent­ge­gen, recht schnell, beinahe laufend. Ein Mann trägt eine Film­ka­mera, ein anderer einen Licht­schirm, eine junge Frau ein Mikro­phon mit Wind­schutz. Ein Film­team also. Einer der Männer geht mit aus­ge­streck­tem Arm auf meine Frau zu, schiebt sie bei­seite, so sieht es für mich aus. Ich will ihn zur Rede stellen, aber meine Frau sagt schnell, dass er sie nicht berührt habe. Auf den zweiten Blick sehe ich, dass er eine Pistole am Gürtel trägt. Bevor ich ihn viel­leicht zu Boden werfe, sollte ich mir seinen Ausweis zeigen lassen.
Horst, unser Gast­ge­ber, der sich bei Dnipro ein Haus baut, meint, der relativ kleine Mann in der Mitte der Gruppe sei der Bür­ger­meis­ter von Dnipro, Borys Filatow.

„Das glaube ich nicht“, sage ich spontan. Dafür ist er meiner Meinung nach zu normal geklei­det. Normale Jeans, normale Schuhe, blaues Ober­hemd, kein Jackett. Aber viel­leicht will er sich als „Anpa­cker“ prä­sen­tie­ren, als Mann aus dem Volk?
Horst beharrt darauf, dass er der Bür­ger­meis­ter ist, deshalb auch die Body­guards mit den Pis­to­len. Dann könnte ich doch gleich ein Inter­view mit ihm führen? Ich ziehe mein Dik­ta­phon aus der Tasche, gehe im Halb­kreis an der Gruppe vorbei, auch an den Sicher­heits­leu­ten, direkt zum Bür­ger­meis­ter, der mit dem Rücken zu seinen Beglei­tern steht. Mit geschlos­se­nen Augen murmelt er einen Text vor sich hin, ein Blatt Papier in der Hand. Viel­leicht lernt er die Ant­wor­ten für das Inter­view aus­wen­dig? Oder Zahlen und Fakten, die er zitie­ren will?

Einer seiner Sicher­heits­män­ner steht einige Meter neben ihm, guckt mich böse an und greift nach der Pistole. Mein Dik­ta­phon ist schwarz, ich halte es dem Bür­ger­meis­ter ent­ge­gen, viel­leicht ein Fehler, man könnte es mit einer Pistole ver­wech­seln. Meine Frau Kate­rina reagiert gold­rich­tig und foto­gra­fiert die ganzen Zeit. Die ukrai­ni­schen Jour­na­lis­ten schauen etwas „bedröp­pelt“, denn ich habe mich vor­ge­drän­gelt, das macht man natür­lich nicht.

Der Bür­ger­meis­ter schaut mich an, ich stelle mich als deut­scher Jour­na­list vor und bitte um die Beant­wor­tung einer Frage. Er nickt und ist ein­ver­stan­den. Sein Body­guard schüt­telt resi­gniert den Kopf.

„Wir kommen aus Poltawa und sind sehr erstaunt, wie schön die Pro­me­nade und der Strand in Dnipro sind. Seit wie vielen Jahren gibt es das Pro­gramm der Moder­ni­sie­rung Dnipros?“
Lieber mit einem Kom­pli­ment begin­nen, als gleich mit meinem Thema „öko­lo­gi­sche Pro­bleme“.

Seine Ant­wor­tet lautet erwar­tungs­ge­mäß, erst in seiner vier­jäh­ri­gen Amts­zeit habe die Moder­ni­sie­rung begon­nen. „Bis dahin haben wir nichts Beson­ders geschafft. Jetzt haben wir mehr gemacht als in den letzten 25 Jahren.“

„Sie sind per­sön­lich dafür ver­ant­wort­lich?“ (Oder hatte Cäsar auch einen Koch?)
„Nun, ich habe mein Kom­mando, unsere Archi­tek­ten in der Stadt.“
„Wir haben gehört, es gibt in der Stadt auch öko­lo­gi­sche Pro­bleme? Aber wir sehen hier auf den ersten Blick eine moderne Stadt.“
„Danke, danke.“
„Und gibt es öko­lo­gi­sche Pro­bleme?“
„Es gibt sie natür­lich. Wir haben große Indus­trie­un­ter­neh­men. Sie ver­ur­sa­chen große Emis­sio­nen. Wei­ter­hin kommt das Wär­me­kraft­werk Dnipro dazu. Das Problem ist jedoch, dass die Kom­mu­nal­ver­wal­tung in Städten keine Umwelt­quo­ten regelt. Dies geschieht in Kyjiw. Wenn sie dies unter der Dezen­tra­li­sie­rung an die Städte wei­ter­ge­ben würden, würden wir dafür beten. Aber so beein­flus­sen wir dies leider nicht, wir, die lokale Selbst­ver­wal­tung.“
„Das heißt, die Men­schen in Dnipro sind mehr oder weniger zufrie­den mit Ihrer Arbeit?“
„Ich weiß nicht, muss man die Leute fragen.“
Stimmt, eine däm­li­che Frage. Besser hätte ich fragen sollen, was er (und sein Team) für öko­lo­gi­sche Ver­bes­se­run­gen tun, außer, die Ver­ant­wor­tung der Zen­tral­re­gie­rung zuzu­schie­ben.
„Gefällt es Ihnen hier?“, will er von mir wissen.
„Ja, sehr.“
Wir haben viel getan. Sie können immer noch die Koro­lenka-Straße sehen, dort gibt es moderne Archi­tek­tur ist dort modern, Sie können zur Bar­ri­ka­den-Straße gehen, obwohl sie jetzt umstrit­ten ist. Im All­ge­mei­nen muss es sehen – wir haben viel getan.“
„Herz­li­che Glück­wunsch. Danke!“

Chris­toph Brumme im Gespräch mit Borys Filatow © Kate­rina Brumme

Statt der einen Frage habe ich nun schon mehrere gestellt. Die ukrai­ni­schen Kol­le­gen „stamp­fen mit den Füßen“, halb zu Recht, schließ­lich haben sie ein Inter­view orga­ni­siert, nicht ich. Aber ich habe für mein Thema öko­lo­gi­sche Pro­bleme eine inter­es­sante Antwort bekom­men, allein dafür hat sich das Atten­tat gelohnt.

Boris Filatow ist lan­des­weit bekannt, er war erst kürz­lich in den Schlag­zei­len, weil er den Eingang zu einer Kirche des Mos­kauer Patri­ar­chats der Ortho­do­xen Kirche zumau­ern ließ. Trotz der Qua­ran­täne-Maß­nah­men hatte diese Kirche zum Besuch von Got­tes­diens­ten auf­ge­ru­fen. Filatow setzte Recht und Gesetz durch.

Als jedoch auf der Website des Stadt­rats ein Ent­schei­dungs­ent­wurf zum Verbot von rus­si­schen Liedern erschien, lehnte der Bür­ger­meis­ter dies ab. „Es wird keine solche Ent­schei­dung geben. Erstens kann es nicht gemacht werden. Und zwei­tens führen wir keinen Krieg gegen Bücher und Musik. Wir kämpfen für die Frei­heit und das Glück unseres Landes“, schrieb Filatow.

Fort­set­zung folgt im zweiten Teil „Kri­mi­nelle Machen­schaf­ten“.

1 Auch Lan­za­rote bean­sprucht seit 2016 den Titel „längste Ufer­pro­me­nade Europas“ und sogar „der Welt“, mit einer Länge von 26,3 Kilo­me­tern. Auf den nächs­ten Plätzen werden von Rei­se­ver­an­stal­tern La Coruña (13 km), Usedom an der Ostsee (12 km) und Atlan­tic City in New Jersey (9,25 km) genannt. Die ukrai­ni­sche Stadt Dnipro wird in dieser Hit-Liste offen­bar gern über­se­hen, weil sie für west­li­che Tou­ris­mus-Unte­neh­men (noch) nicht inter­es­sant genug ist.

Textende

Portrait von Christoph Brumme

Chris­toph Brumme ver­fasst Romane und Repor­ta­gen. Seit dem Früh­jahr 2016 lebt er in der ukrai­ni­schen Stadt Poltawa.

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